Begriff
Tempo-Rhythmus
Tempo-Rhythmus ist ein Begriff Konstantin Stanislawskis für die zeitliche Gestalt einer Handlung auf der Bühne. Er verbindet zwei Größen. In Anlehnung an die Musik bestimmte Stanislawski das Tempo als die Geschwindigkeit, mit der gleich lange Zeiteinheiten aufeinanderfolgen, und den Rhythmus als das Verhältnis der tatsächlich ausgefüllten, unterschiedlich langen Einheiten innerhalb dieses Tempos. Einen Tempo-Rhythmus besitzen nach seiner Lehre sowohl äußere Vorgänge wie Bewegung und Sprechen als auch das innere Erleben.
In einem Fachaufsatz führt Mario Frendo von der Universität Malta den Begriff auf Stanislawskis Beschäftigung mit dem Rhythmus zurück, besonders in der Arbeit am Opernstudio des Bolschoi-Theaters ab 1918. Die Wortschöpfung selbst datiert er auf die Zeit nach 1922. In der deutschen Ausgabe von „Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst“ trägt ein eigenes Kapitel den Titel „Der Tempo-Rhythmus“. Die Fachliteratur ordnet Tempo und Rhythmus unterschiedlich zu: Manche verbinden das Tempo mit dem äußeren Ablauf und den Rhythmus mit dem inneren Zustand, andere tun das umgekehrt. Frendo betont dagegen, dass Stanislawski beide Größen auf innere wie äußere Vorgänge bezog.
In einem fiktiven Beispiel sitzt eine Figur vor einem Bewerbungsgespräch scheinbar ruhig im Wartezimmer, während sie innerlich hastig ihre Antworten ordnet. Äußerer und innerer Tempo-Rhythmus fallen hier auseinander. Auch Ausbildungspläne nennen diese Unterscheidung; das Modulhandbuch des Bachelorstudiengangs Schauspiel der Hochschule für Musik und Theater München führt in der Fassung von 2015 „inneres und äußeres Tempo“ unter den Inhalten der Bewegungsarbeit. Vom Rhythmus der Sprache, der zur Prosodie gehört, und vom Metrum eines Verses ist der Begriff zu unterscheiden: Tempo-Rhythmus betrifft das gesamte szenische Handeln.

