Begriff
Dokumentartheater
Dokumentartheater ist eine Theaterform, die reale Vorgänge auf der Grundlage dokumentarischen Materials darstellt. Der Duden beschreibt es als gesellschaftskritische Stilrichtung des modernen Theaters, die politisch bedeutsame Themen häufig in Form eines Prozesses oder einer Untersuchung aufgreift. Als Material dienen etwa Protokolle, Akten, Briefe, Interviews oder andere recherchierte Aussagen.
Ein vielfach genanntes Beispiel ist „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. Das Stück verdichtet die Prozessakten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die Weiss als Beobachter verfolgte, zu einem Text in elf Gesängen. Am 19. Oktober 1965 kam es in einer Ring-Uraufführung an fünfzehn west- und ostdeutschen Theatern heraus. Ein Begleitheft von Theater Bremen und Bremischer Bürgerschaft bezeichnet es als exponiertes Beispiel eines politischen, dokumentarischen Theaters in Deutschland und hält fest, dass Weiss auf die Nachbildung eines Gerichtshofs auf der Bühne verzichten wollte.
Dokumentarisch heißt also nicht, dass auf der Bühne eine unveränderte Wirklichkeit erscheint: Auswahl, Kürzung und Anordnung der Quellen setzen Schwerpunkte. Auch die Besetzung ist nicht festgelegt. Neben Schauspielenden können Menschen auftreten, die ihr Wissen aus einem Leben jenseits des Theaters einbringen; das im Jahr 2000 von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel gegründete Label Rimini Protokoll entwickelt viele Arbeiten mit solchen „Experten des Alltags“. Dieser Ansatz ist eine mögliche Form, kein notwendiges Merkmal. Eine Stückentwicklung kann dokumentarisches Material verarbeiten, ohne dass jede so entstandene Aufführung Dokumentartheater ist. Dokumentarische Arbeiten können zudem Merkmale des postdramatischen Theaters haben, ohne mit ihm gleichbedeutend zu sein.

