Begriff

Retardierendes Moment

Das retardierende Moment ist eine Szene oder Wendung kurz vor dem Ende eines Dramas, die den absehbaren Ausgang hinauszögert, indem sie noch einmal einen anderen Ausgang möglich erscheinen lässt. Retardieren bedeutet nach dem Duden verzögern; das Wort ist aus dem Französischen entlehnt und geht auf lateinisch retardare zurück.

Gustav Freytag beschreibt das Mittel in „Die Technik des Dramas“ als Moment der letzten Spannung zwischen Umkehr und Katastrophe. Lastet ein unglückliches Geschick schon lange auf einer Hauptfigur, könne der Dichter dem Publikum durch ein leichtes Hindernis oder eine entfernte Möglichkeit glücklicher Lösung für einige Augenblicke Aussicht auf Erleichterung geben. Als alte Anwendung nennt er Sophokles’ „Antigone“: Kreon widerruft den Todesbefehl, sodass Antigone noch gerettet werden könnte. Freytag hielt das Moment für ein gutes, aber nicht unentbehrliches Hilfsmittel.

In der Tragödie lässt das retardierende Moment kurz Hoffnung auf Rettung aufkommen, in der Komödie verzögert es ein scheinbar nahes glückliches Ende. Es hält einen bereits eingeschlagenen Verlauf auf, während die Peripetie dessen Richtung umkehrt. In Freytags Schema bildet es das Gegenstück zum erregenden Moment, das die Handlung in Gang setzt. In der Erzähltheorie wird retardierend auch allgemeiner für Verzögerungen gebraucht, etwa durch Nebenhandlungen oder Rückblenden.

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