Begriff
Theater der Grausamkeit
Theater der Grausamkeit, französisch Théâtre de la cruauté, bezeichnet das Theaterkonzept des französischen Schauspielers, Schriftstellers und Regisseurs Antonin Artaud (1896–1948). Artaud entwarf es in Manifesten und Briefen der 1930er-Jahre, die 1938 in dem Band „Le Théâtre et son double“ erschienen; die deutsche Übersetzung trägt den Titel „Das Theater und sein Double“. Grausamkeit meint dabei nicht in erster Linie Gewalt: In einem Brief vom 13. September 1932 schreibt Artaud, Grausamkeit sei kein Synonym für vergossenes Blut, sondern bedeute geistig gesehen „rigueur, application et décision implacable“, also Strenge und unerbittliche Entschlossenheit.
Artaud wandte sich gegen ein Theater, das dem Text untergeordnet ist. Das erste Manifest will den Worten etwa die Bedeutung geben, die sie im Traum haben, und Gesten, Gegenstände und Körper zu einer eigenen Zeichensprache machen, die Artaud mit Hieroglyphen vergleicht. Bühne und Zuschauerraum sollten durch einen einzigen Ort ersetzt werden, in dessen Mitte das Publikum sitzt und von der Handlung umgeben ist. Anregungen fand Artaud nach dem Dictionnaire des théâtres du monde unter anderem im balinesischen Theater, das er 1931 bei der Kolonialausstellung in Paris sah. Verwirklicht wurde das Programm kaum: Die dafür gegründete Gesellschaft brachte 1935 lediglich „Les Cenci“ heraus.
Wirkung entfaltete das Konzept vor allem ab den 1960er-Jahren; nach derselben Quelle erforschte Jerzy Grotowski die von Artaud angedeuteten körperlichen Ausdrucksbereiche systematisch. Das Theater des Absurden ist dagegen eine Sammelbezeichnung für Dramentexte, das postdramatische Theater eine theaterwissenschaftliche Beschreibung späterer Aufführungsformen, in denen der Text ein Material unter mehreren ist. Das Theater der Grausamkeit ist das Programm eines einzelnen Theatermachers, keine Gattung und keine Bezeichnung für Gewaltdarstellungen auf der Bühne.

