Begriff
Öffentliche Einsamkeit
Öffentliche Einsamkeit bezeichnet bei Konstantin Stanislawski den Zustand von Darstellenden, die vor Publikum spielen und ihre Aufmerksamkeit dennoch ganz auf einen begrenzten Bereich der Szene richten. Im Englischen heißt er public solitude oder solitude in public. Öffentlich ist die Situation, weil Zuschauende anwesend sind; einsam ist sie, weil die Aufmerksamkeit der Spielenden innerhalb dieses Bereichs bleibt.
Der Begriff gehört zu Stanislawskis Arbeit an der Aufmerksamkeit auf der Bühne und zu den sogenannten Kreisen der Aufmerksamkeit. In seinem Lehrbuch führt die Lehrerfigur Torzow sie mit Bühnenlicht vor: Ein kleiner Lichtkreis erfasst nur die eigene Person und einige Gegenstände auf einem Tisch, ein mittlerer Kreis mehrere Möbel und Mitspielende, ein großer den ganzen Raum. Im kleinen Kreis entsteht das Gefühl, allein zu sein, obwohl andere zusehen; diesen Zustand nennt Torzow öffentliche Einsamkeit. Auch vor Tausenden von Zuschauenden könne man sich in einen solchen Kreis einschließen wie eine Schnecke in ihr Haus. Bei voller Beleuchtung muss die Grenze des Kreises dann in der Vorstellung gezogen werden: Die Aufmerksamkeit übernimmt die Aufgabe des Lichts.
Öffentliche Einsamkeit beschreibt die Aufmerksamkeit der einzelnen Darstellenden. Die vierte Wand bezeichnet dagegen eine Spielkonvention der Aufführung: die gedachte Grenze, hinter der die Figuren handeln, als würden sie nicht beobachtet. Beide Begriffe hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar. Das Publikum ist bei der öffentlichen Einsamkeit auch nicht vergessen; die Situation bleibt öffentlich, nur der Blick der Spielenden richtet sich nicht dorthin.

