Begriff
Inklusives Casting
Inklusives Casting ist ein Sammelbegriff für Besetzungspraktiken, mit denen Darstellende aus unterrepräsentierten Gruppen stärker berücksichtigt werden sollen, etwa Frauen, People of Color, Menschen mit Behinderung oder Menschen aus Arbeiterfamilien. Evi Stamatiou, Dozentin für Theater an der University of Chichester, verwendet den englischen Ausdruck inclusive casting in einem Fachaufsatz von 2020 als Oberbegriff für solche Ansätze. Er löste danach die Bezeichnung integrated casting ab; in den USA ist von non-traditional casting die Rede, das wiederum auf colourblind casting folgte.
Nach diesem Aufsatz umfasst der Begriff mehrere Verfahren. Beim „blinden“ Besetzen erhält eine Rolle, wer sie am besten spielt, unabhängig davon, welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder welche körperlichen Voraussetzungen der Text beschreibt oder nahelegt. Andere Formen machen Darstellende mit solchen Merkmalen bewusst in verschiedenen gesellschaftlichen Positionen sichtbar oder setzen die Besetzung gezielt als künstlerische Aussage ein. Eine verwandte Forderung ist das authentische Casting, englisch Authentic Casting: Rollen, die eine bestimmte kulturelle Herkunft oder eine bestimmte Behinderung zum Gegenstand haben, sollen mit Darstellenden besetzt werden, die diese Erfahrung teilen. Schauspielgewerkschaften betonen nach Stamatiou, dass inklusives Casting nicht umgekehrt dazu dienen soll, solche Rollen mit Personen ohne diese Merkmale zu besetzen.
Der Begriff benennt eine Absicht, kein Ergebnis. Stamatiou kritisiert, dass entsprechende Initiativen oft nur zählen, wie viele Personen sichtbar werden, und übersehen, welche Rollen sie erhalten. Für Film und Fernsehen in Deutschland schilderte Wolfgang Janßen für das Projekt Rollenfang, das Schauspielende mit Behinderung an Filmsets vermittelt, in einer Stellungnahme für den Kulturausschuss des Bundestags vom Juni 2024 ein verwandtes Problem: Anfragen suchten häufig nach ganz bestimmten körperlichen oder kognitiven Merkmalen, während die schauspielerischen Fähigkeiten zweitrangig erschienen. Typecasting, die wiederholte Besetzung einer Person in ähnlichen Rollen, ist davon zu unterscheiden; beide Fragen berühren sich, wo Darstellende auf ein Merkmal festgelegt werden.

