Begriff
Brechts Verfremdungseffekt
Der Verfremdungseffekt, kurz V-Effekt, ist ein zentraler Begriff in Bertolt Brechts epischem Theater. Vertraute Vorgänge werden so dargestellt, dass sie ihre Selbstverständlichkeit verlieren und als erklärungsbedürftig erscheinen. Das Publikum soll die Handlungen der Figuren auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Bedingungen betrachten und beurteilen können.
Verfremdung kann durch kommentierende Lieder, direkte Publikumsansprache, vorangestellte Szenentitel oder sichtbar gemachte Darstellungsmittel entstehen. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Technik allein, sondern die veränderte Sicht auf einen Vorgang: Verhalten erscheint als durch Umstände geprägt und damit auch als veränderbar. Mitgefühl und andere Emotionen werden dadurch nicht grundsätzlich ausgeschlossen; sie können mit kritischem Nachdenken verbunden sein.
In einem fiktiven Beispiel nimmt eine Figur ihre Kündigung zunächst wortlos hin. Die Darstellerin unterbricht die Szene und fragt das Publikum direkt, warum die Figur schweigt. Der scheinbar selbstverständliche Vorgang erscheint dadurch als erklärungsbedürftig und als Folge von Abhängigkeiten, die sich ändern ließen. Eng verwandt ist der Gestus, der eine soziale Haltung oder Beziehung im Verhalten sichtbar macht.

