Begriff
Durchgehende Handlung
Die durchgehende Handlung bezeichnet im Stanislawski-System die zusammenhängende Linie des Handelns, die eine Rolle vom Anfang bis zum Ende eines Stücks durchzieht. Sie verbindet die einzelnen Abschnitte und Aufgaben und richtet sie auf die Überaufgabe aus. Im Russischen heißt sie skvoznoe dejstvie, im Englischen through line of action oder through-action.
Stanislawski beschrieb sie als innere Linie des Strebens, die Darstellende durch das ganze Stück führt. Ohne sie blieben nach einer russischen Darstellung seiner Lehre Abschnitte, Aufgaben und Umstände unverbunden nebeneinander. Zur durchgehenden Handlung gehört bei Stanislawski eine Gegenhandlung: Jede Handlung trifft auf Widerstand, und dieser Zusammenstoß erzeugt weiteres Handeln. Sein Lehrbuch erläutert das an Henrik Ibsens „Brand“. In einer Szene verlangt der fanatische Prediger Brand von seiner Frau Agnes, die Kleidung ihres Kindes wegzugeben. Die durchgehende Handlung liegt hier bei Brand, die Gegenhandlung bei Agnes, deren Mutterliebe sich seiner Forderung widersetzt.
Die durchgehende Handlung ist nicht dasselbe wie die Abfolge der äußeren Ereignisse eines Stücks. Sie beschreibt das Streben einer Figur durch diese Ereignisse hindurch. Ein Szenenbeat gliedert eine Szene in Sinneinheiten, eine Spielhandlung benennt den einzelnen Versuch einer Figur, ein Ziel zu erreichen. Die durchgehende Handlung verbindet solche Einheiten und Versuche zu einem fortlaufenden Zusammenhang.

