Begriff

Gestisches Sprechen

Gestisches Sprechen bezeichnet in der Schauspielausbildung ein Sprechen, das eine erkennbare Haltung gegenüber anderen ausdrückt: Wer spricht, tut mit dem Satz etwas, etwa bitten, drohen, überzeugen oder befehlen. Das Glossar des Münchner Schauspielstudiengangs fasst dies als „gestisches Prinzip“: Die Sprache auf der Bühne werde erst wirksam, wenn ihr in der konkreten Situation ein bestimmter Gestus unterliege.

Der Begriff geht auf Bertolt Brecht zurück. Brecht nannte eine Sprache gestisch, wenn sie auf dem Gestus beruht und bestimmte Haltungen der sprechenden Person gegenüber anderen Menschen anzeigt; gemeint war ausdrücklich nicht das Gestikulieren mit den Händen. In der Sprecherziehung hat besonders der Sprechwissenschaftler Hans Martin Ritter das Konzept weitergeführt, unter anderem in einer Studie zum gestischen Prinzip bei Brecht von 1986. An der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ ist „Gestisches Sprechen“ ein eigenes Unterrichtsfach über mehrere Semester. Andere Hochschulen nennen etwa das gestische Sprechen im Chor.

In einem fiktiven Beispiel sagt eine Figur „Setz dich“ einmal als Einladung und einmal als Befehl. Der Wortlaut bleibt gleich, die Handlung gegenüber dem Gegenüber ändert sich. Der Gestus bezeichnet die soziale Haltung selbst, das gestische Sprechen ihre sprecherische Umsetzung; Betonung, Sprechmelodie und Pausen sind Mittel dieser Umsetzung und gehören zur Prosodie. Der Begriff ist nicht auf das epische Theater beschränkt; die Hamburger Hochschule für Musik und Theater nennt etwa die gestische Umsetzung lyrischer, epischer und dramatischer Texte als Ausbildungsziel.

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