Begriff

Katharsis

Katharsis bezeichnet in der Dramentheorie die Wirkung, die eine Tragödie nach Aristoteles beim Publikum hervorruft. In seiner Poetik bestimmt Aristoteles diese Gattung als Darstellung einer Handlung, die durch Eleos und Phobos eine Katharsis solcher Affekte bewirkt. Das griechische Wort bedeutet Reinigung, ursprünglich auch im kultischen Sinn. Wie diese Reinigung zu verstehen ist, wird seit Langem unterschiedlich gedeutet.

Gotthold Ephraim Lessing übersetzte die beiden Affekte in der „Hamburgischen Dramaturgie“ mit Mitleid und Furcht. Er verstand die Reinigung moralisch, als „Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten“. Der Altphilologe Jacob Bernays deutete Katharsis 1857 dagegen als medizinische Metapher: als Abfuhr belastender Erregungen nach dem Vorbild ärztlicher Reinigung. Andere Übersetzungen sprechen von Jammer und Schauder; eine englische Ausgabe gibt Katharsis mit „relief“ wieder, also Erleichterung. Eine ausführlichere Erklärung, die Aristoteles ankündigte, ist nicht überliefert. Deshalb lässt sich keine dieser Deutungen als allein gültig festlegen.

Katharsis beschreibt eine angenommene Wirkung auf die Zuschauenden, kein Element der Handlung. Fallhöhe und Peripetie betreffen dagegen Figuren und Verlauf des Stücks. Das epische Theater setzt bewusst auf eine betrachtende, urteilende Haltung des Publikums statt auf Einfühlung. In der Psychologie bezeichnet Katharsis außerdem das Sichbefreien von inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren; dieser Gebrauch ist vom dramentheoretischen Begriff zu unterscheiden.

Wissen entdecken

Weitere Begriffe alphabetisch auswählen oder in der Übersicht suchen.