Begriff
Imaginärer Körper (Chekhov)
Der imaginäre Körper ist in der Chekhov-Technik die genaue Vorstellung eines Körpers mit den äußeren Merkmalen einer Figur, der sich vom eigenen Körper der darstellenden Person unterscheidet. Er kann etwa eine andere Größe, ein anderes Gewicht, eine andere Form oder Haltung haben. Im Englischen heißt der Begriff Imaginary Body.
Michael Chekhov beschreibt den Vorgang in seinem Lehrtext „On the Technique of Acting“ in der 1991 erschienenen Ausgabe: Wer eine Figur mit anderen körperlichen Merkmalen als den eigenen gestalten will, stellt sich zunächst deren Körper vor. Dieser Körper gehört der Figur, doch die darstellende Person kann lernen, ihn zu bewohnen; durch Übung kann sie scheinbar die Länge und Form ihres Körpers verändern. Franc Chamberlain fasst die Arbeit in seiner Einführung von 2004 so zusammen, dass der Körper der Figur zuerst möglichst genau außerhalb der eigenen Person vorgestellt und dann betreten wird. Verwandt ist das imaginäre Zentrum, ein vorgestelltes Kraftzentrum im Körper. In einer Unterrichtsstunde Chekhovs für professionelle Darstellende vom Dezember 1941 stehen Charakterisierung, Zentrum und imaginärer Körper als aufeinanderfolgende Themen.
Der imaginäre Körper betrifft die Körperlichkeit einer Figur insgesamt. Die psychologische Geste verdichtet dagegen ein inneres Streben in einer bestimmten körperlichen Form. Bei der Tierstudie bilden beobachtete Bewegungen eines Tieres das Ausgangsmaterial, während der imaginäre Körper aus der Vorstellung der Figur selbst entsteht. In einem fiktiven Beispiel stellt sich ein schlanker junger Darsteller für die Rolle eines alten Hafenarbeiters einen schweren, breiten Körper mit gebeugten Schultern vor und lässt Gang und Atem davon bestimmen, ohne Polster oder Maske zu tragen.

