Begriff

Kreise der Aufmerksamkeit

Kreise der Aufmerksamkeit bezeichnen bei Konstantin Stanislawski abgegrenzte Bereiche, auf die Darstellende ihre Aufmerksamkeit während des Spiels richten. In seinem Lehrbuch, das 1936 in der Übersetzung von Elizabeth Reynolds Hapgood englisch als „An Actor Prepares“ erschien, unterscheidet die Lehrerfigur Torzow zwischen einzelnen Punkten oder Objekten der Aufmerksamkeit und dem Kreis. Ein Kreis umfasst einen größeren oder kleineren Ausschnitt mit mehreren eigenständigen Punkten. Der Blick darf zwischen ihnen wechseln, soll die Grenze des Kreises aber nicht überschreiten. Im Englischen heißen die Kreise circles of attention.

Torzow unterscheidet kleine, mittlere und große Kreise bis zum größten, dessen Ausdehnung nur von der Sehweite begrenzt ist. Je größer ein Kreis wird, desto weiter muss sich die Aufmerksamkeit dehnen. Beginnt seine Grenze zu verschwimmen, soll sie sich nach dieser Darstellung auf einen kleineren Kreis zurückziehen und notfalls auf einen einzelnen Punkt sammeln, von dem aus wieder ein Kreis aufgebaut wird. Ein Kreis kann auch außerhalb der eigenen Person liegen, etwa wenn eine Figur nur beobachtet. Den kleinen Kreis beschreibt das Lehrbuch außerdem als beweglich: Er lässt sich bei Gängen durch den Raum mitnehmen.

Die öffentliche Einsamkeit bezeichnet den Zustand, der im kleinen Kreis entstehen kann: allein zu sein, obwohl ein Publikum zusieht. Die Kreise sind dagegen das räumliche Ordnungsbild, mit dem Stanislawski die Lenkung der Aufmerksamkeit beschreibt; sie benennen weder einen Zustand noch eine Wirkung auf die Zuschauenden. Die Bühnenpräsenz meint die Wirkung, die das Publikum wahrnimmt, und die vierte Wand ist eine Spielkonvention der Aufführung, kein Bereich der Aufmerksamkeit einzelner Darstellender.

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