Begriff
Kraftstimme
Kraftstimme bezeichnet in der Sprechausbildung für das Schauspiel die laute bis sehr laute Stimmgebung, die bis zum Rufen und Schreien reicht. Gemeint ist eine Fähigkeit, die auf der Bühne über längere Zeit und in jeder Vorstellung wiederholbar zur Verfügung stehen soll, ohne die Stimme zu schädigen. Der Ausdruck ist vor allem in Lehrplänen und im Unterricht der Schauspielausbildung gebräuchlich.
Mehrere Hochschulen führen die Kraftstimme als eigenen Inhalt. Die Hochschule für Musik und Theater Rostock nennt den „physiologischen Einsatz der Kraftstimme“, die Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ den „Ausbau der Kraftstimme“ zusammen mit dem Absichern der Wiederholbarkeit. Die Hamburger Hochschule für Musik und Theater verbindet das Training der Kraftstimme mit dem Sprechen in verschiedenen Räumen und der Erprobung extremer Stimmgebung am Text. Am Wiener Max Reinhardt Seminar ist die Kraftstimme nach einem Bericht des Hochschulmagazins von 2018 ein Schwerpunkt im vierten Semester; ein Lehrender verwies dort auf das postdramatische Theater, das häufig Schreiinszenierungen verlange.
Mit der Lautstärke steigt der Luftdruck unter den Stimmlippen, dessen Dosierung die Atemstütze beschreibt. Die Kraftstimme betrifft den oberen Lautstärkebereich, nicht die Stimmfarbe als klangliche Eigenart einer Stimme. Lehrpläne nennen sie auch getrennt von der Tragfähigkeit: Die Rostocker Beschreibung führt die Entwicklung einer trag- und durchdringungsfähigen Stimme als Ziel und den Einsatz der Kraftstimme als eigenen Inhalt. In einem fiktiven Beispiel ruft eine Figur jeden Abend über den Lärm einer aufgebrachten Menge hinweg nach ihrem Bruder; die Szene verlangt dieselbe Lautstärke in jeder Vorstellung.

