Rita und Dennis: Tour vierzehn

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Rita und Dennis: Er braucht, dass einer klingelt.

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Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 370 Wörter
Umfang
370 WörterDennis · Rita
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 19–62redaktionelle Einschätzung
Tonlage
trockentragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen
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(Die Fahrerkabine eines Lieferwagens in einem Hinterhof, Mittagspause. Auf dem Armaturenbrett zwei Brotdosen und ein Handscanner. Rita, Mitte fünfzig, Arbeitsjacke, isst ein Brot. Dennis, Anfang zwanzig, scrollt auf dem Scanner durch die Liste.)

Dennis

Noch einundneunzig. Und es ist eins.

Stichwort: „Noch einundneunzig. Und es ist eins.“

Rita

Iss erst mal.

Stichwort: „Iss erst mal.“

Dennis

Wenn ich esse, sind es immer noch einundneunzig.

Stichwort: „… esse, sind es immer noch einundneunzig.“

Rita

Ja. Aber dann hast du gegessen.

Stichwort: „Ja. Aber dann hast du gegessen.“

(Pause. Rita kaut. Dennis legt den Scanner weg.)

Dennis

Murat hat gesagt, du hörst auf.

Stichwort: „Murat hat gesagt, du hörst auf.“

Rita

Das Knie hört auf. Ich komme nur mit.

Stichwort: „… hört auf. Ich komme nur mit.“

Dennis

Und die Tour wird aufgeteilt.

Stichwort: „Und die Tour wird aufgeteilt.“

Rita

Nicht, wenn du sie nimmst. Ich habe mit Murat geredet. Wenn du willst, kriegst du sie ganz.

Stichwort: „… du willst, kriegst du sie ganz.“

Dennis

Ich? Ich mache das seit vier Monaten. Ich schaffe nicht mal die Hälfte von dem, was du schaffst.

Stichwort: „… Hälfte von dem, was du schaffst.“

Rita

Weil du zu schnell bist.

Stichwort: „Weil du zu schnell bist.“

Dennis

Der Scanner sagt, ich bin zu langsam.

Stichwort: „… Scanner sagt, ich bin zu langsam.“

Rita

Der Scanner sagt mir das seit vierzehn Jahren. Jeden Abend.

Stichwort: „… das seit vierzehn Jahren. Jeden Abend.“

(Sie holt ein zerfleddertes Schulheft aus dem Handschuhfach und legt es ihm hin.)

Dennis

Was ist das?

Stichwort: „Was ist das?“

Rita

Tour vierzehn. Jede Straße.

Stichwort: „Tour vierzehn. Jede Straße.“

Dennis (blättert und liest)

„Lindenweg drei. Hund heißt Kalle, mag Leberwurst, beißt nur Briefträger.“

Stichwort: „… Kalle, mag Leberwurst, beißt nur Briefträger.““

Rita

Wir sind keine Briefträger. Deshalb lebst du noch.

Stichwort: „… keine Briefträger. Deshalb lebst du noch.“

Dennis

„Zwölf, dritter Stock, Frau Adomeit. Klingeln und bis hundertzwanzig zählen.“ Hundertzwanzig?

Stichwort: „… Klingeln und bis hundertzwanzig zählen.“ Hundertzwanzig?“

Rita

So lange braucht sie mit dem Rollator bis zur Tür. Wenn du nach sechzig gehst und eine Karte einwirfst, holt sie das Paket nie in der Filiale ab. Die Filiale ist zwei Kilometer weg.

Stichwort: „… Die Filiale ist zwei Kilometer weg.“

Dennis

„Gartenstraße neunzehn, Herr Brodowski. Bestellt jeden Tag was. Batterien, Schnürsenkel. Immer hochbringen, nie beim Nachbarn abgeben.“ Warum nicht beim Nachbarn?

Stichwort: „… Nachbarn abgeben.“ Warum nicht beim Nachbarn?“

Rita

Weil er die Sachen nicht braucht. Er braucht, dass einer klingelt. Seine Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Seitdem hat er mehr Schnürsenkel als Schuhe.

Stichwort: „… hat er mehr Schnürsenkel als Schuhe.“

Dennis (leise)

Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe.

Stichwort: „… Traurigste, was ich je gehört habe.“

Rita

Nein. Das Traurigste ist, dass die Firma das nicht weiß. Die zählt nur die Stopps.

Stichwort: „… weiß. Die zählt nur die Stopps.“

(Dennis blättert weiter, langsamer.)

Dennis

Ich wollte das hier gar nicht. Ich habe keinen Studienplatz gekriegt. Das sollte eine Zwischenlösung sein.

Stichwort: „… gekriegt. Das sollte eine Zwischenlösung sein.“

Rita

Bei mir auch. Nach der Scheidung. Für drei Monate.

Stichwort: „… Nach der Scheidung. Für drei Monate.“

Dennis

Und dann?

Stichwort: „Und dann?“

Rita

Dann hat mir Frau Adomeit zu Weihnachten Plätzchen gebacken. Mit Haselnuss. Ich vertrage keine Haselnüsse. Ich habe sie meinen Nachbarn geschenkt und ihr gesagt, sie waren köstlich. Vierzehn Jahre lang.

Stichwort: „… sie waren köstlich. Vierzehn Jahre lang.“

Dennis

Du hast sie vierzehn Jahre lang angelogen.

Stichwort: „… hast sie vierzehn Jahre lang angelogen.“

Rita

Jedes Jahr. Und jedes Jahr hat sie gefragt, ob ich mehr will. Die Plätzchen gehören zur Tour. (Sie legt ihm das Heft in den Schoß.) Du musst sie nicht essen. Du musst nur sagen, dass sie gut waren.

Stichwort: „… nur sagen, dass sie gut waren.“

Dennis

Und dein Knie?

Stichwort: „Und dein Knie?“

Rita

Kriegt im November ein neues Gelenk. Danach suche ich mir was, wo man sitzt. Vielleicht Bücherei. Da kommen die Leute zu mir.

Stichwort: „… Da kommen die Leute zu mir.“

(Pause. Dennis schließt das Heft, steckt es in die Innentasche seiner Jacke und lässt den Motor an.)

Dennis

Gartenstraße neunzehn zuerst. Der kriegt heute Schnürsenkel.

Stichwort: „… neunzehn zuerst. Der kriegt heute Schnürsenkel.“

Rita (lächelt und packt ihre Brotdose ein)

Schwarze. Die hat er noch nicht.

Stichwort: „Schwarze. Die hat er noch nicht.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Zwei Menschen nebeneinander auf den Vordersitzen: wenig Bewegung, viel Blick nach vorn. Das ist gut für Kameraarbeit.
  • Das Heft ist die zentrale Requisite. Dennis liest daraus vor; Rita kennt jede Zeile auswendig.
  • Rita gibt keine Ratschläge. Sie erzählt. Ihre Wärme steckt in den Details.
  • Die Entscheidung fällt ohne Erklärung: Dennis steckt das Heft ein und lässt den Motor an.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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