Emilia
Wie? Sie hier, mein Vater? – Und nur Sie? – Und meine Mutter? nicht hier? – Und der Graf? nicht hier? – Und Sie so unruhig, mein Vater?
Stichwort: „… Und Sie so unruhig, mein Vater?“
Odoardo
Und du so ruhig, meine Tochter?
Stichwort: „Und du so ruhig, meine Tochter?“
Emilia
Warum nicht, mein Vater? – Entweder ist nichts verloren: oder alles. Ruhig sein können, und ruhig sein müssen: kömmt es nicht auf eines?
Stichwort: „… müssen: kömmt es nicht auf eines?“
Odoardo
Aber, was meinest du, dass der Fall ist?
Stichwort: „… meinest du, dass der Fall ist?“
Emilia
Dass alles verloren ist; – und dass wir wohl ruhig sein müssen, mein Vater.
Stichwort: „… wohl ruhig sein müssen, mein Vater.“
Odoardo
Und du wärest ruhig, weil du ruhig sein musst? – Wer bist du? Ein Mädchen? und meine Tochter? So sollte der Mann, und der Vater sich wohl vor dir schämen? – Aber lass doch hören: was nennest du, alles verloren? – dass der Graf tot ist?
Stichwort: „… – dass der Graf tot ist?“
Emilia
Und warum er tot ist! Warum! – Ha, so ist es wahr, mein Vater? So ist sie wahr die ganze schreckliche Geschichte, die ich in dem nassen und wilden Auge meiner Mutter las? – Wo ist meine Mutter? Wo ist sie hin, mein Vater?
Stichwort: „… Wo ist sie hin, mein Vater?“
Odoardo
Voraus; – wann wir anders ihr nachkommen.
Stichwort: „… – wann wir anders ihr nachkommen.“
Emilia
Je eher, je besser. Denn wenn der Graf tot ist; wenn er darum tot ist – darum! was verweilen wir noch hier? Lassen Sie uns fliehen, mein Vater.
Stichwort: „… Lassen Sie uns fliehen, mein Vater.“
Odoardo
Fliehen? – Was hätt’ es dann für Not? – Du bist, du bleibst in den Händen deines Räubers.
Stichwort: „… bleibst in den Händen deines Räubers.“
Emilia
Ich bleibe in seinen Händen?
Stichwort: „Ich bleibe in seinen Händen?“
Odoardo
Und allein; ohne deine Mutter; ohne mich.
Stichwort: „… allein; ohne deine Mutter; ohne mich.“
Emilia
Ich allein in seinen Händen? – Nimmermehr, mein Vater. – Oder Sie sind nicht mein Vater. – Ich allein in seinen Händen? – Gut, lassen Sie mich nur; lassen Sie mich nur. – Ich will doch sehn, wer mich hält, – wer mich zwingt, – wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen kann.
Stichwort: „… ist, der einen Menschen zwingen kann.“
Odoardo
Ich meine, du bist ruhig, mein Kind.
Stichwort: „… meine, du bist ruhig, mein Kind.“
Emilia
Das bin ich. Aber was nennen Sie ruhig sein? Die Hände in den Schoß legen? Leiden, was man nicht sollte? Dulden, was man nicht dürfte?
Stichwort: „… sollte? Dulden, was man nicht dürfte?“
Odoardo
Ha! wenn du so denkest! – Lass dich umarmen, meine Tochter! – Ich hab’ es immer gesagt: das Weib wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen. Aber sie vergriff sich im Tone; sie nahm ihn zu fein. Sonst ist alles besser an Euch, als an Uns. – Ha, wenn das deine Ruhe ist: so habe ich meine in ihr wiedergefunden! Lass dich umarmen, meine Tochter! – Denke nur: unter dem Vorwande einer gerichtlichen Untersuchung, – o des höllischen Gaukelspieles! – reißt er dich aus unsern Armen, und bringt dich zur Grimaldi.
Stichwort: „… Armen, und bringt dich zur Grimaldi.“
Emilia
Reißt mich? bringt mich? – Will mich reißen; will mich bringen: will! will! – Als ob wir, wir keinen Willen hätten, mein Vater!
Stichwort: „… wir keinen Willen hätten, mein Vater!“
Odoardo
Ich ward auch so wütend, dass ich schon nach diesem Dolche griff, (ihn herausziehend) um einem von beiden – beiden! – das Herz zu durchstoßen.
Stichwort: „… beiden! – das Herz zu durchstoßen.“
Emilia
Um des Himmels willen nicht, mein Vater! – Dieses Leben ist alles, was die Lasterhaften haben. – Mir, mein Vater, mir geben Sie diesen Dolch.
Stichwort: „… Vater, mir geben Sie diesen Dolch.“
Odoardo
Kind, es ist keine Haarnadel.
Stichwort: „Kind, es ist keine Haarnadel.“
Emilia
So werde die Haarnadel zum Dolche! – Gleichviel.
Stichwort: „… die Haarnadel zum Dolche! – Gleichviel.“
Odoardo
Was? Dahin wäre es gekommen? Nicht doch; nicht doch! Besinne dich. – Auch du hast nur Ein Leben zu verlieren.
Stichwort: „… hast nur Ein Leben zu verlieren.“
Emilia
Und nur Eine Unschuld!
Stichwort: „Und nur Eine Unschuld!“
Odoardo
Die über alle Gewalt erhaben ist. –
Stichwort: „… über alle Gewalt erhaben ist. –“
Emilia
Aber nicht über alle Verführung – Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt. – Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne, sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut. Ich kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude. Eine Stunde da, unter den Augen meiner Mutter; – und es erhob sich so mancher Tumult in meiner Seele, den die strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten! – Der Religion! Und welcher Religion? – Nichts Schlimmers zu vermeiden, sprangen Tausende in die Fluten, und sind Heilige! – Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie mir diesen Dolch.
Stichwort: „… Vater, geben Sie mir diesen Dolch.“
Odoardo
Und wenn du ihn kenntest diesen Dolch! –
Stichwort: „… du ihn kenntest diesen Dolch! –“
Emilia
Wenn ich ihn auch nicht kenne! – Ein unbekannter Freund, ist auch ein Freund. – Geben Sie mir ihn, mein Vater; geben Sie mir ihn.
Stichwort: „… mein Vater; geben Sie mir ihn.“
Odoardo
Wenn ich dir ihn nun gebe – da! (gibt ihr ihn.)
Stichwort: „… dir ihn nun gebe – da!“
Emilia
Und da! (im Begriffe sich damit zu durchstoßen, reißt der Vater ihr ihn wieder aus der Hand.)
Stichwort: „Und da!“
Odoardo
Sieh, wie rasch! – Nein, das ist nicht für deine Hand.
Stichwort: „… das ist nicht für deine Hand.“
Emilia
Es ist wahr, mit einer Haarnadel soll ich – (sie fährt mit der Hand nach dem Haare, eine zu suchen, und bekommt die Rose zu fassen.) Du noch hier? – Herunter mit dir! Du gehörest nicht in das Haar Einer – wie mein Vater will, dass ich werden soll!
Stichwort: „… Vater will, dass ich werden soll!“
Odoardo
O, meine Tochter! –
Stichwort: „O, meine Tochter! –“
Emilia
O, mein Vater, wenn ich Sie erriete! – Doch nein; das wollen Sie auch nicht. Warum zauderten Sie sonst? – (in einem bittern Tone, während dass sie die Rose zerpflückt) Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten den besten Stahl in das Herz senkte – ihr zum zweiten das Leben gab. Aber alle solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!
Stichwort: „… Solcher Väter gibt es keinen mehr!“
Odoardo
Doch, meine Tochter, doch! (indem er sie durchsticht.) – Gott, was hab’ ich getan! (sie will sinken, und er fasst sie in seine Arme.)
Stichwort: „… – Gott, was hab’ ich getan!“
Emilia
Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert. – Lassen Sie mich sie küssen, diese väterliche Hand.
Stichwort: „… mich sie küssen, diese väterliche Hand.“
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