Begriff
Kunst des Erlebens
Die Kunst des Erlebens bezeichnet bei Konstantin Stanislawski eine Schauspielkunst, in der Darstellende bei jeder Aufführung Empfindungen durchleben, die denen ihrer Figur entsprechen. Der russische Ausdruck perezhivanie wird im Deutschen meist mit Erleben, im Englischen mit experiencing wiedergegeben. Er verbindet das Verb für „leben“ mit einer Vorsilbe, die „wieder“ oder „hindurch“ bedeuten kann; Übersetzungen wie „living through“ oder „reliving“ erfassen deshalb jeweils nur einen Teil der Bedeutung.
Stanislawski grenzte diese Kunst von der Kunst der Darstellung ab, die er mit dem französischen Schauspieler Constant Coquelin verband. Dort dient das Erleben nur der Vorbereitung; in der Aufführung wird eine zuvor gefundene äußere Form wiedergegeben. Als Handwerk bezeichnete er eine Spielweise, in der das schöpferische Erleben aufhört. Bewusste Mittel wie Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und die gegebenen Umstände sollen nach seinem Ansatz unwillkürliche seelische Vorgänge mittelbar anregen. Erleben verband er dabei mit Verkörperung: Das innerlich Erlebte soll auch äußerlich sichtbar werden.
Der Begriff benennt das angestrebte Ziel, keine einzelne Technik. Das magische Wenn und die Methode der physischen Handlungen sind Mittel im Stanislawski-System, die zu diesem Erleben führen sollen. Brechts episches Theater setzt dagegen auf eine zeigende Spielweise, bei der Darstellende nicht vollständig in ihren Figuren aufgehen. In deutschsprachigen Darstellungen begegnet für die Identifikation mit der seelischen Lage der Figur auch der Ausdruck Einlebung.

