Begriff
Biomechanik (Meyerhold)
Biomechanik bezeichnet im Theater das Schauspieltraining des russischen Regisseurs Wsewolod Meyerhold. Er entwickelte es in den 1920er-Jahren für die Ausbildung von Darstellenden. Ausgangspunkt ist die genaue, rhythmisch gegliederte Bewegung: Der Körper wird als zentrales Ausdrucksmittel geschult, damit Handlungen für das Publikum klar lesbar werden.
Geübt wird mit Etüden, kurzen festgelegten Bewegungsfolgen, etwa „Die Ohrfeige“ oder „Der Dolchstoß“. Beschreibungen der Methode nennen Grundprinzipien wie den Otkas, eine vorbereitende Gegenbewegung vor der eigentlichen Aktion, den Possyl als zielgerichtete Ausführung und den Tormos als kontrollierten Abschluss. Gleichgewicht, Rhythmus, räumliche Orientierung und sparsamer Krafteinsatz gehören ebenfalls zum Training. Nikolai Kustow, Ausbilder an Meyerholds Theater, gab Prinzipien und Etüden an eine spätere Generation weiter; heute wird Biomechanik nach Meyerhold an Schauspielschulen und Theatern in verschiedenen Ländern vermittelt.
Meyerhold setzte sich damit von einer Arbeitsweise ab, die er im Stanislawski-System als zu stark auf Seelenleben und psychologische Ausdeutung ausgerichtet ansah. Die Biomechanik sollte die Ausdrucksmöglichkeiten einer Aufführung über Bewegung und Reflex erweitern; sie schließt Gefühle auf der Bühne nicht aus. Als historische Trainingsmethode ist sie nicht mit den weiter gefassten Bezeichnungen Körpertheater oder Physical Theatre gleichzusetzen. Mit der Biomechanik als naturwissenschaftlicher Untersuchung von Bewegungen, etwa in der Sportwissenschaft, teilt sie den Namen, nicht den Gegenstand.

