Begriff
Stichomythie
Stichomythie bezeichnet eine Dialogform, bei der die Sprecher im Versdrama gewöhnlich nach jeder Verszeile wechseln. Kurze Rede und Gegenrede stehen unmittelbar nebeneinander und widersprechen sich häufig. Der deutsche Ausdruck Zeilenrede beschreibt diesen Aufbau.
Die Form kann einen dramatischen Konflikt verdichten: Eine Figur stellt eine Forderung auf, die andere weist sie in der folgenden Zeile zurück. Gedankenschritte und Sprecherwechsel folgen dadurch eng aufeinander. Das erklärt ihre Verwendung in Streit- und Entscheidungsszenen, schreibt aber keine bestimmte Lautstärke oder ein gleichbleibend hohes Sprechtempo vor.
Im engeren literaturwissenschaftlichen Gebrauch ist der Bezug zur Verszeile wesentlich. Ein beliebiges Gespräch mit kurzen Sätzen ist deshalb nicht schon eine Stichomythie. Wechsel nach Halbversen oder Doppelversen werden genauer als Hemistichomythie beziehungsweise Distichomythie bezeichnet. Diese Einteilung betrifft den Textaufbau; die hörbare Gestaltung mit Betonung, Rhythmus und Pausen gehört zur Prosodie.

