Der Weg nach dem Schauspielstudium in den Beruf beginnt nicht erst mit dem Abschlusszeugnis. Viele Kontakte entstehen schon während der Ausbildung: bei Produktionen an Partnertheatern, in Filmprojekten mit Filmhochschulen oder bei Präsentationen des Abschlussjahrgangs vor Fachpublikum. Danach führen mehrere Wege weiter, die sich oft verbinden: ein festes Engagement an einem Theater, Rollen in Film und Fernsehen, Gastverträge und freie Projekte. Eine Garantie auf ein Engagement gibt keine Schule.
Dieser Ratgeber zeigt, wie der Einstieg typischerweise abläuft, welche Stellen dabei helfen, was beim ersten Vertrag wichtig ist und wie man eine Phase ohne Engagement übersteht. Er beruht auf den Angaben von Ausbildungsstätten, Verbänden und der Arbeitsvermittlung, die wir im Oktober 2026 geprüft haben.
Absolventenvorsprechen: der Jahrgang stellt sich vor
Viele Ausbildungen enden mit einer Präsentation des Abschlussjahrgangs vor Fachpublikum, dem Absolventenvorsprechen. Intendanzen, Schauspieldirektionen, Agenturen und Casting Directors sehen sich an einem Nachmittag einen ganzen Jahrgang an, meist mit kurzen Szenen und Monologen, mitunter mit Liedern. Die Hochschulen, die in der Ständigen Konferenz Schauspielausbildung (SKS) zusammengeschlossen sind, veranstalten darüber hinaus gemeinsame Zentrale Vorspiele, für die die Jahrgänge in mehrere Städte reisen. Dort stellen sich die Jahrgänge an einem Tag vielen Theatern zugleich vor.
Auf ein gelungenes Vorsprechen folgt im besten Fall eine Einladung an ein Haus, zu einem weiteren Vorsprechen oder einem Gespräch. Eine solche Einladung ist noch kein Vertrag. Auch die ZAV-Künstlervermittlung nutzt diese Termine, um Absolvent*innen kennenzulernen. Daneben gibt es das Schauspielschultreffen, einen jährlichen Wettbewerb, bei dem Hochschulen Inszenierungen ihrer Studierenden zeigen; auch dort sitzt Fachpublikum im Saal.
Frag deshalb schon bei der Wahl der Schule, ob es ein Absolventenvorsprechen gibt, wer eingeladen wird, in welchen Städten es stattfindet und ob du dort mit eigenen Szenen auftrittst. Private Schulen organisieren solche Präsentationen teils selbst, teils gar nicht.
Das Erstengagement am Theater
Ein klassischer Weg führt über das Erstengagement an einem Stadt-, Staats- oder Landestheater. Dort arbeiten Schauspielende fest im Ensemble eines Hauses, meist mit einem befristeten Vertrag über eine oder mehrere Spielzeiten, der verlängert werden kann. Im Repertoirebetrieb wechseln sie zwischen mehreren Inszenierungen, die im Spielplan abwechselnd gezeigt werden, und proben oft schon die nächste Produktion, während die vorige noch läuft. Gerade im ersten Engagement spielt man viel, häufig auch kleinere Rollen, und lernt den Theaterbetrieb von innen kennen.
Grundlage der Verträge an öffentlich getragenen Bühnen war jahrzehntelang der NV Bühne. Nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins haben die Gewerkschaften GDBA und BFFS ihn zum 30. Juni 2026 gekündigt; seitdem sind abweichende Verträge möglich. Für Häuser, deren übrige Beschäftigte nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt werden, einigten sich Bühnenverein und Gewerkschaften im Juli 2026 dennoch auf höhere Gagen: Nach der Gagentabelle der GDBA gilt dort seit April 2026 eine Einstiegsgage von 3.175 Euro im Monat für die ersten beiden Berufsjahre und eine Mindestgage von 3.385 Euro ab dem dritten. Prüfe vor Vertragsschluss den aktuellen Stand, denn die Lage ist in Bewegung.
Worauf du bei Rolle, Terminen, Gage und Nutzungsrechten achten solltest, erklärt der Beitrag Der Schauspielvertrag: Worauf man achten sollte. Was gilt, wenn ein Engagement vorzeitig enden soll oder nicht verlängert wird, beschreibt Kündigung von Engagements.
Film und Fernsehen: Agentur und Bewerbungsmaterial
Für Rollen in Film und Fernsehen arbeiten die meisten Schauspielenden mit einer Agentur. Eine Schauspielagentur schlägt ihre Klient*innen für Rollen vor und verhandelt über Gage und Vertragsbedingungen; eine bestimmte Rolle garantiert sie nicht. Auch Agenturen besuchen Absolventenvorsprechen, um neue Klient*innen kennenzulernen. Im Branchenverzeichnis findest du Agenturen mit Schwerpunkt und Standort.
Für Bewerbungen bei Agenturen und Castings brauchst du aussagekräftiges Material: eine sachliche Schauspiel-Vita, aktuelle Fotos und ein Showreel mit Szenen, in denen du spielst. Viele Schulen unterstützen dich dabei schon während der Ausbildung: Manche schließen Fotos, Showreel-Material und Vorsprechvorbereitung in das Schulgeld ein, andere machen ein Showreel zum Teil der Abschlussprüfung. Szenen aus Filmprojekten mit Filmhochschulen sind oft das erste brauchbare Material; sammle sie früh und kläre, wann du sie nutzen darfst. Wenn ein Casting ein Video verlangt, hilft der Beitrag Self-Tape Auditions.
Die ZAV-Künstlervermittlung
Die ZAV-Künstlervermittlung ist eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Sie bringt Künstler*innen mit Theatern und Produktionen zusammen und nennt unter ihren Arbeitsbereichen ausdrücklich Schauspiel für Bühne sowie für Film, Fernsehen und Medien. Dazu gehören Karriereberatung, Rückmeldungen zu Stärken und Entwicklungsfeldern sowie Netzwerkveranstaltungen; Standorte gibt es in Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart (ZAV: Über uns). Für Künstler*innen ist der Service kostenfrei. Manche private Schulen weisen darauf hin, dass ihr Abschluss zum Vorsprechen bei der ZAV berechtigt; frag bei der Wahl einer Schule danach.
Einzelne Schulen begleiten ihre Absolvent*innen auch nach dem Abschluss weiter, etwa mit Beratung oder Kontakten. Ob und wie lange das gilt, steht selten auf der Website und lässt sich im Gespräch klären.
Gastverträge und freie Szene
Nicht jede Laufbahn beginnt mit einem festen Engagement. Viele steigen über Gastverträge ein: Ein Theater engagiert dich für eine einzelne Produktion, bezahlt pro Vorstellung und Probentag. Wie ein solcher Gastvertrag aufgebaut ist, erklärt der Lexikoneintrag. Daneben gibt es die freie Szene: Gruppen und Kollektive, die eigene Projekte entwickeln, oft mit Förderung von Städten, Ländern oder Fonds, und an freien Spielstätten zeigen. Die Arbeit ist künstlerisch oft besonders eigenständig, die Bezahlung dagegen projektbezogen und unregelmäßig.
Wer frei arbeitet, ist häufig selbstständig tätig. Dann kann die Versicherung über die Künstlersozialkasse infrage kommen, die für selbstständige Künstler*innen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung organisiert. Für die ersten drei Jahre nach Aufnahme der Tätigkeit sieht das Gesetz Erleichterungen bei der Mindesteinkommensgrenze vor. Bei Drehtagen bist du dagegen meist angestellt und über die jeweilige Produktion versichert.
Wenn der Einstieg länger dauert
Zwischen Abschluss und erstem größeren Engagement können Monate mit Vorsprechen, Absagen und kleineren Projekten liegen. Das ist normal und kein Urteil über deine Ausbildung. Hilfreich ist, die Zeit zu strukturieren: Material aktuell halten, regelmäßig trainieren, Kontakte aus dem Studium pflegen, freie Projekte mit Kommiliton*innen anstoßen.
Wer zwischen kurzen Engagements arbeitslos wird, sollte die Regeln zum Arbeitslosengeld kennen. Neben der üblichen Anwartschaft von zwölf Monaten Beschäftigung gibt es nach § 142 Abs. 2 SGB III eine verkürzte Anwartschaft von sechs Monaten für Menschen, die überwiegend in kurz befristeten Beschäftigungen arbeiten. Ob sie greift, prüft die Agentur für Arbeit im Einzelfall. Wie du Absagen einordnest, ohne dein Selbstvertrauen zu verlieren, beschreibt Selbstbewusstsein stärken: Umgang mit Casting-Absagen. Welche Tätigkeiten sich mit einer Schauspielausbildung zusätzlich verbinden lassen, zeigt Weitere Verdienstmöglichkeiten abseits von Bühne und Leinwand.
Was du schon während des Studiums vorbereiten kannst
Vieles davon lässt sich vorbereiten, bevor du dich überhaupt an einer Schule bewirbst. Wenn du Schulen vergleichst, achte auch darauf, wie sie den Übergang gestalten: Gibt es ein Absolventenvorsprechen und wer kommt dorthin? Spielen die Studierenden an Partnertheatern? Gibt es Kameraarbeit und Filmprojekte, aus denen Material für ein Showreel entsteht? Und wie viele Absolvent*innen der letzten Jahrgänge arbeiten heute im Beruf? Im Schulfinder stehen diese Besonderheiten bei jeder Schule.
Während des Studiums lohnt es sich, früh ein Netz aufzubauen: zu Regiestudierenden, mit denen du später arbeiten wirst, zu Lehrenden, die selbst im Beruf stehen, und zu Theatern, an denen du in Projekten spielst. Der erste Vertrag entsteht oft genau dort, wo dich jemand schon einmal bei der Arbeit gesehen hat.

