Leon: „Mich jagen? Ei, erspart euch nur die Müh!“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Blankvers

Leon: Mich jagen? Ei, erspart euch nur die Müh! Ich geh von selbst.

aus Weh dem, der lügt! (1838) von Franz Grillparzer · I. Aufzug

Originaltext · Weh dem, der lügt!, Franz Grillparzer (1838)eingerichtet
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 378 Wörter
Umfang
48 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
aufgebrachtkomisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Im Haus des Bischofs Gregor. Der junge Leon, seit Kurzem Koch, streitet mit dem Hausverwalter.)

  1. So? In der Küche meint ihr? Zeigt mir die!
  2. Wenn eine Küche der Ort ist, wo man kocht,
  3. So sucht ihr sie im ganzen Schloss vergebens.
  4. Wo man nicht kocht, ist keine Küche, Herr,
  5. Wo keine Küche, ist kein Koch. Das, seht ihr?
  6. Wollt ich dem Bischof sagen; und ich tus,
  7. Ich tus fürwahr, und säht ihr noch so scheel.
  8. Pfui, Schande über alle Knauserei!
  9. Erst schickten sie den Koch fort, nun, da meint ich,
  10. Sie trauten mir so viel und war schon stolz,
  11. Doch als ich anfing, meine Kunst zu zeigen,
  12. Ist alles viel zu teuer, viel zu viel.
  13. Mit nichts soll ich da kochen, wenn auch nichts.
  14. Nur gestern noch erhascht ich ein Stück Wildpret,
  15. So köstlich als kein andres, um ’nen Spottpreis,
  16. Und freute mich im voraus, wie der Herr sich,
  17. Der alte, schwache, laben würde dran.
  18. Ja, prost die Mahlzeit! Musst ichs nicht verkaufen,
  19. An einen Sudelkoch verhandeln mit Verlust;
  20. Weils viel zu teuer schien, gar viel zu kostbar.
  21. Nennt ihr das Knauserei? wie, oder sonst?

[…]

  1. Mich jagen? Ei, erspart euch nur die Müh!
  2. Ich geh von selbst. Hier, meine Schürze, seht!
  3. Und hier mein Messer, das euch erst erschreckt,

(Er wirft beides auf den Boden.)

  1. So werf ichs hin und heb es nimmer auf.
  2. Sucht einen andern Koch für eure Fasten!
  3. Glaubt ihr, für Geld hätt ich dem Herrn gedient?
  4. Es gibt wohl andre Wege noch und bessre,
  5. Sich durchzuhelfen, für ’nen Kerl wie ich.
  6. Der König braucht Soldaten, und, mein Treu!
  7. Ein Schwert wär nicht zu schwer für diese Hand.
  8. Doch sah ich euern Bischof durch die Straßen,
  9. Mit seinem weißen Bart und Lockenhaar,
  10. Das Haupt gebeugt von Alterslast,
  11. Und doch gehoben von – ich weiß nicht was,
  12. Doch von was Edlem, Hohem muss es sein;
  13. Die Augen aufgespannt, als säh er Bilder
  14. Aus einem andern, unbekannten Land,
  15. Die allzugroß für also kleine Rahmen:
  16. Sah ich ihn so durch unsre Straßen ziehn,
  17. Da riefs in mir: dem musst du dienen, dem,
  18. Und wärs als Stallbub. Also kam ich her.
  19. In diesem Haus, dacht ich, wär Gottesfrieden,
  20. Sonst alle Welt in Krieg. Nun da ich hier,
  21. Nun muss ich sehn, wie er das Brot sich abknappt,
  22. Als hätt er sich zum Hungertod verdammt,
  23. Wie er die Bissen sich zum Munde zählt.
  24. Mag das mit ansehn wer da will, ich nicht.

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Spielhinweise

  • Leon ist laut, aber nicht frech aus Prinzip. Unter dem Schimpfen liegt Sorge um einen alten Mann.
  • Messer und Schürze sind ein großer Auftritt. Wirf sie hin, als wäre es endgültig, und lass das Publikum ahnen, dass es das nicht ist.
  • Der Wechsel kommt bei „Doch sah ich euern Bischof“: Aus der Wut wird Bewunderung. Gib diesem Bild Zeit; vergleiche magisches Wenn für die Vorstellungsarbeit.
  • Zwischen den beiden Reden ist die Drohung des Hausverwalters gestrichen ([…]). Reagiere auf sie, bevor du weitersprichst.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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