(Ein leeres Zimmer in einem Studierendenwohnheim. Ein Bettgestell mit Matratze, ein Schreibtisch, an der Wand helle Flecken, wo Poster hingen. Die Figur sitzt auf der Matratze zwischen zwei Umzugskartons.)
- Elf Quadratmeter, vierter Stock, das Fenster geht zum Hof.
- Fünf Jahre hab ich hier gewohnt. Ich weiß, das klingt jetzt doof,
- doch als ich heut die Kisten sah, gestapelt bis zur Decke,
- da saß ich auf dem nackten Bett, allein mit einer Decke.
- Das Bett quietscht links, sobald man seufzt, und rechts, sobald man lacht.
- Ich weiß, wie es nach Prüfungen und nach der ersten Liebe kracht.
- Es hat mich nie getröstet, nie beraten, nie belogen,
- es hat nur jede Nacht gequietscht. Ich bin ihm sehr gewogen.
- Die Wand nach links ist dünn wie Pappe. Dahinter wohnt Herr Lee,
- der Saxofon studiert und übt, sobald ich schlafen geh.
- Wir haben nie ein Wort gewechselt, nie im Gang gegrüßt,
- und doch hat er mit Tonleitern mir jede Nacht versüßt.
- Die Küche teilt der ganze Gang, zwölf Leute und ein Herd,
- im Kühlschrank Fächer mit Namen drauf, und keins davon ist was wert:
- Denn wer um drei Uhr nachts noch lernt, der isst, was er so findet,
- und morgens fehlt der Pudding, und das Vertrauen schwindet.
(Die Figur lauscht zur Wand hin.)
- Jetzt sitz ich hier, das letzte Mal, die Wand ist plötzlich still.
- Kein Saxofon. Kein Husten. Nichts. Ich weiß nicht, was ich will.
- Dann klopf ich an. Dreimal. Ganz leis, so wie man Fremde weckt.
- Und drüben quietscht ein andres Bett. Ich hab mich fast erschreckt.
- Dann spielt er. Durch die Pappe durch. Ganz langsam, schief und schön.
- Ein Lied, das klingt nach Abschied und nach Bitte-nicht-zu-gehn.
- Ich nehm die letzte Kiste hoch. Das Bett quietscht noch: „Tschüss, du.“
- Elf Quadratmeter. Vierter Stock. Ich mach die Türe zu.
(Die Figur nimmt den Karton und geht. Von nebenan noch ein paar Töne.)
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes

