(Ein Sprechzimmer in einer kardiologischen Praxis. Ayla, Mitte zwanzig, sitzt neben ihrer Mutter, dem Arzt gegenüber. Die Mutter hält ihre Handtasche fest auf dem Schoß. Ayla übersetzt.)
Moment, Herr Doktor, ich muss das kurz – (zur Mutter, ruhig) Anne, er sagt, das Herz ist müde. Ein bisschen müde. Wie bei vielen in deinem Alter.
(Zum Arzt.) Entschuldigung. Drei Gefäße sind verengt, sagten Sie? Und das heißt Operation. Bypass. Nicht mit dem Katheter, sondern – offen. (Sie schluckt.) Wann?
(Sie hört zu und nickt.)
In den nächsten Wochen. Nicht irgendwann. In den nächsten Wochen.
(Zur Mutter.) Er sagt, man muss das reparieren. Das ist heute ganz normal. Das machen die jeden Tag. (Pause.) Nein, nicht er selbst. Im Krankenhaus. Aber die machen das jeden Tag.
(Die Mutter sagt etwas auf Türkisch. Ayla lacht kurz.)
Sie fragt, ob sie danach wieder in ihren Garten darf. Sie hat Tomaten. Zweiunddreißig Pflanzen. Sie hat sie gezählt, bevor wir losgefahren sind.
Ich mach das seit der dritten Klasse, wissen Sie. Übersetzen. Beim Elternabend, beim Jobcenter, bei der Hausverwaltung. Mit acht hab ich dem Vermieter erklärt, dass der Schimmel nicht vom falschen Lüften kommt. Ich hab gelernt, was man sagt und was man weglässt. Man lässt weg, was Angst macht. Das hat mir keiner beigebracht. Das hab ich selbst rausgefunden.
(Zur Mutter.) Es ist nichts Schlimmes, Anne. Tamam? Nur eine kleine –
(Die Mutter legt ihre Hand auf Aylas Hand und sagt einen kurzen Satz. Auf Deutsch.)
(Sehr leise.) Sie sagt: „Ayla. Ich hab verstanden.“
(Pause. Ayla sieht ihre Mutter an.)
Seit wann – (Sie bricht ab.) Seit wann verstehst du alles? (Die Mutter zuckt mit den Schultern.) Und du hast mich all die Jahre übersetzen lassen?
(Zum Arzt, mit belegter Stimme.) Sie sagt, sie will den Termin vor der Tomatenernte. Und dass ich jetzt nicht mehr übersetzen muss. (Pause.) Ich glaube, das Zweite war das Wichtigere.
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Ende des Textes

