(Ein Vorzimmer. Zwei Stühle an der Wand, eine Topfpflanze, eine Tür mit dem Schild „Schulleitung“. Heiko, Anfang vierzig, Firmenpolo, sitzt und tippt auf seinem Handy. René, Anfang vierzig, Jeansjacke, kommt herein und setzt sich mit einem Stuhl Abstand. Lange Stille.)
René
Heiko Lindemann.
Stichwort: „Heiko Lindemann.“
Heiko ohne aufzusehen
René.
Stichwort: „René.“
René
Ich hab mir schon gedacht, dass du das bist. Als Jonas gesagt hat, der andere heißt Finn Lindemann.
Stichwort: „… hat, der andere heißt Finn Lindemann.“
Heiko
Ja. Finn. Mein Ältester.
Stichwort: „Ja. Finn. Mein Ältester.“
(Pause.)
René
Weißt du, wo ich zuletzt auf diesem Stuhl gesessen hab?
Stichwort: „… zuletzt auf diesem Stuhl gesessen hab?“
Heiko
Neunzehnhundertsechsundneunzig. Siebte Klasse. Weil du mir am Fahrradständer eine geklebt hast.
Stichwort: „… mir am Fahrradständer eine geklebt hast.“
René
Weil du meinen Turnbeutel aufs Dach geworfen hast.
Stichwort: „… meinen Turnbeutel aufs Dach geworfen hast.“
Heiko
Das war nicht ich. Das war Dirk.
Stichwort: „… war nicht ich. Das war Dirk.“
René
Du hast ihn Dirk gegeben.
Stichwort: „Du hast ihn Dirk gegeben.“
Heiko steckt das Handy weg
Okay. Ich hab ihn Dirk gegeben.
Stichwort: „Okay. Ich hab ihn Dirk gegeben.“
(Sie sehen beide zur Tür.)
René
Hat Finn dir erzählt, worum es ging?
Stichwort: „… Finn dir erzählt, worum es ging?“
Heiko
Jonas hat ihn geschubst. Am Klettergerüst. Finn hat sich gewehrt.
Stichwort: „… Am Klettergerüst. Finn hat sich gewehrt.“
René
Jonas sagt, Finn hat was gesagt. Vorher.
Stichwort: „… sagt, Finn hat was gesagt. Vorher.“
Heiko
Kinder sagen viel.
Stichwort: „Kinder sagen viel.“
René
Er sagt, Finn hat gesagt: „Dein Vater ist ein Versager, der lebt vom Amt.“
Stichwort: „… ein Versager, der lebt vom Amt.““
(Stille. Heiko sieht auf den Boden.)
René
Ich hab im März meine Arbeit verloren. Die Druckerei hat zugemacht, nach einunddreißig Jahren. Das weiß in der Stadt jeder. Ich wollte nur wissen, woher ein Zwölfjähriger so einen Satz hat.
Stichwort: „… ein Zwölfjähriger so einen Satz hat.“
Heiko nach einer langen Pause
Von mir.
Stichwort: „Von mir.“
René
Von dir.
Stichwort: „Von dir.“
Heiko
Beim Abendbrot. Ich hab das nicht so gemeint. Wir haben über die Druckerei geredet, und ich hab gesagt, René Wolff, der war schon in der Schule so einer, der … (Er bricht ab.) Ich hab einen dummen Satz gesagt, und mein Sohn hat ihn auf den Schulhof getragen. Wie einen Turnbeutel.
Stichwort: „… den Schulhof getragen. Wie einen Turnbeutel.“
(René lacht kurz, ohne es zu wollen.)
René
Wie einen Turnbeutel.
Stichwort: „Wie einen Turnbeutel.“
Heiko
Ich weiß, wie das klingt.
Stichwort: „Ich weiß, wie das klingt.“
René
Jonas hat ihn geschubst, weil er mich verteidigt hat. Ich bin stolz auf ihn. Ich darf das da drin nur nicht sagen.
Stichwort: „… das da drin nur nicht sagen.“
Heiko
Dann sag ich es. Ich sag: Mein Sohn hat angefangen. Mit Worten. Und die Worte waren meine.
Stichwort: „… Worten. Und die Worte waren meine.“
René
Das sagst du da drin?
Stichwort: „Das sagst du da drin?“
Heiko
Was soll ich sonst sagen. Dass es Dirk war?
Stichwort: „… sonst sagen. Dass es Dirk war?“
(Pause. René hält ihm, etwas ungelenk, die Hand hin. Heiko nimmt sie.)
René
Ich hab übrigens einen Lkw-Führerschein. Falls du in deiner Firma mal einen Fahrer brauchst.
Stichwort: „… deiner Firma mal einen Fahrer brauchst.“
Heiko
Ich frag. (Pause.) Ehrlich.
Stichwort: „Ich frag. Ehrlich.“
(Die Tür geht auf. Eine Stimme: „Herr Lindemann, Herr Wolff? Bitte.“ Beide stehen gleichzeitig auf.)
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

