Anatol und Gabriele: Weihnachtseinkäufe

Dialog · 2 Personen · Jahrhundertwende · Prosa, Wiener Umgangssprache

Anatol und Gabriele: Diese Blumen, mein … süßes Mädl, schickt Dir eine Frau, die vielleicht ebenso lieben kann wie Du

aus Anatol (1893) von Arthur Schnitzler · Einakter „Weihnachtseinkäufe“

Originaltext · Anatol, Arthur Schnitzler (1893)Ausschnitt
Dauer
ca. 6,5 Mingeschätzt, 779 Wörter
Umfang
779 WörterGabriele · Anatol
Figuren
männlich + weiblich
Spielalter
ca. 22–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
leichtleise & nachdenklich
Sprache
Prosa, Wiener Umgangssprachebehutsam modernisiert

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Inhalt
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(Weihnachtsabend, sechs Uhr. Leichter Schneefall. In den Straßen Wiens. Anatol trägt Gabrieles Päckchen.)

Gabriele

Also … erzählen Sie mir endlich von dem … süßen Mädl!

Stichwort: „… endlich von dem … süßen Mädl!“

Anatol

Sie ist nicht faszinierend schön — sie ist nicht besonders elegant — und sie ist durchaus nicht geistreich …

Stichwort: „… sie ist durchaus nicht geistreich …“

Gabriele

Ich will ja nicht wissen, was sie nicht ist —

Stichwort: „… wissen, was sie nicht ist —“

Anatol

Aber sie hat die weiche Anmut eines Frühlingsabends … und die Grazie einer verzauberten Prinzessin … und den Geist eines Mädchens, das zu lieben weiß!

Stichwort: „… eines Mädchens, das zu lieben weiß!“

Gabriele

Diese Art von Geist soll ja so sehr verbreitet sein … in Ihrer kleinen Welt! …

Stichwort: „… … in Ihrer kleinen Welt! …“

Anatol

Sie können sich da nicht hinein denken! … Man hat Ihnen zu viel verschwiegen, als Sie junges Mädchen waren — und hat Ihnen zu viel gesagt, seit Sie junge Frau sind! … darunter leidet die Naivität Ihrer Betrachtungen —

Stichwort: „… leidet die Naivität Ihrer Betrachtungen —“

Gabriele

Aber Sie hören doch — ich will mich belehren lassen … Ich glaube Ihnen ja auch schon die „verzauberte Prinzessin“! — Erzählen Sie mir nur, wie der Zaubergarten ausschaut, in dem sie ruht —

Stichwort: „… ausschaut, in dem sie ruht —“

Anatol

Da dürfen Sie sich freilich nicht einen glänzenden Salon vorstellen, wo die schweren Portièren niederfallen — mit Makartbouquets in den Ecken, Bibelots, Leuchttürmen, mattem Samt … und dem affektierten Halbdunkel eines sterbenden Nachmittags …

Stichwort: „… affektierten Halbdunkel eines sterbenden Nachmittags …“

Gabriele

Ich will ja nicht wissen, was ich mir nicht vorstellen soll …

Stichwort: „… ich mir nicht vorstellen soll …“

Anatol

Also — denken Sie sich — ein kleines, dämmeriges Zimmer — so klein — mit gemalten Wänden — und noch dazu etwas zu licht — ein paar alte, schlechte Kupferstiche mit verblassten Aufschriften hängen da und dort. — Eine Hängelampe mit einem Schirm. — Vom Fenster aus, wenn es Abend wird, die Aussicht auf die im Dunkel versinkenden Dächer und Rauchfänge! … Und — wenn der Frühling kommt, da wird der Garten gegenüber blüh’n und duften …

Stichwort: „… Garten gegenüber blüh’n und duften …“

Gabriele

Wie glücklich müssen Sie sein, dass Sie schon zu Weihnachten an den Mai denken!

Stichwort: „… zu Weihnachten an den Mai denken!“

Anatol

Ja — dort bin ich auch zuweilen glücklich! …

Stichwort: „… bin ich auch zuweilen glücklich! …“

Gabriele

Genug, genug! — Es wird spät … wir wollten ihr was kaufen! … Vielleicht etwas für das Zimmer mit den gemalten Wänden …

Stichwort: „… Zimmer mit den gemalten Wänden …“

Anatol

Es fehlt nichts darin!

Stichwort: „Es fehlt nichts darin!“

Gabriele

Ja … ihr! — das glaub’ ich wohl! — Aber ich möchte Ihnen — ja Ihnen! das Zimmer so recht nach Ihrer Weise schmücken!

Stichwort: „… so recht nach Ihrer Weise schmücken!“

Anatol

Mir? —

Stichwort: „Mir? —“

Gabriele

Mit persischen Teppichen …

Stichwort: „Mit persischen Teppichen …“

Anatol

Aber ich bitte Sie — da hinaus!

Stichwort: „… ich bitte Sie — da hinaus!“

Gabriele

Mit einer Ampel von gebrochenem, rotgrünem Glas …?

Stichwort: „… Ampel von gebrochenem, rotgrünem Glas …?“

Anatol

Hm!

Stichwort: „Hm!“

Gabriele

Ein paar Vasen mit frischen Blumen? —

Stichwort: „… paar Vasen mit frischen Blumen? —“

Anatol

Ja … aber ich will ja ihr was bringen —

Stichwort: „… will ja ihr was bringen —“

Gabriele

Ach ja … es ist wahr — wir müssen uns entscheiden — sie wartet wohl schon auf Sie?

Stichwort: „… sie wartet wohl schon auf Sie?“

Anatol

Gewiss!

Stichwort: „Gewiss!“

Gabriele

Sie wartet?! — Sagen Sie … wie empfängt sie Sie denn? —

Stichwort: „… wie empfängt sie Sie denn? —“

Anatol

Ach — wie man eben empfängt. —

Stichwort: „… — wie man eben empfängt. —“

Gabriele

Sie hört Ihre Schritte schon auf der Treppe … nicht wahr?

Stichwort: „… auf der Treppe … nicht wahr?“

Anatol

Ja … zuweilen …

Stichwort: „Ja … zuweilen …“

Gabriele

Und steht bei der Türe? …

Stichwort: „Und steht bei der Türe? …“

Anatol

Ja!

Stichwort: „Ja!“

Gabriele

Und fällt Ihnen um den Hals — und küsst Sie — und sagt … Was sagt sie denn …?

Stichwort: „… … Was sagt sie denn …?“

Anatol

Was man eben in solchen Fällen sagt …

Stichwort: „… eben in solchen Fällen sagt …“

Gabriele

Nun … zum Beispiel!

Stichwort: „Nun … zum Beispiel!“

Anatol

Ich weiß kein Beispiel!

Stichwort: „Ich weiß kein Beispiel!“

Gabriele

Was sagte sie gestern?

Stichwort: „Was sagte sie gestern?“

Anatol

Ach — nichts Besonderes … das klingt so einfältig, wenn man nicht den Ton der Stimme dazu hört …!

Stichwort: „… Ton der Stimme dazu hört …!“

Gabriele

Ich will mir ihn schon dazu denken: Nun — was sagte sie?

Stichwort: „… denken: Nun — was sagte sie?“

Anatol

… „Ich bin so froh, dass ich Dich wieder hab’!“

Stichwort: „… froh, dass ich Dich wieder hab’!““

Gabriele

„Ich bin so froh“ — wie?! —

Stichwort: „… bin so froh“ — wie?! —“

Anatol

— „dass ich Dich wieder hab’“! …

Stichwort: „… „dass ich Dich wieder hab’“! …“

Gabriele

… das ist eigentlich hübsch — sehr hübsch! —

Stichwort: „… eigentlich hübsch — sehr hübsch! —“

Anatol

Ja … es ist herzlich und wahr!

Stichwort: „… … es ist herzlich und wahr!“

Gabriele

Und sie ist … immer allein? — Ihr könnt Euch so ungestört sehen!? —

Stichwort: „… könnt Euch so ungestört sehen!? —“

Anatol

Nun ja — sie lebt so für sich — sie steht ganz allein — keinen Vater, keine Mutter … nicht einmal eine Tante!

Stichwort: „… Mutter … nicht einmal eine Tante!“

Gabriele

Und Sie … sind ihr Alles …?

Stichwort: „… Sie … sind ihr Alles …?“

Anatol

… Möglich! … Heute …

Stichwort: „… Möglich! … Heute …“

(Schweigen.)

Gabriele

… Es wird so spät — sehen Sie, wie leer es schon in den Straßen ist …

Stichwort: „… schon in den Straßen ist …“

Anatol

Oh — ich hielt Sie auf! — Sie müssen ja nach Hause. —

Stichwort: „… Sie müssen ja nach Hause. —“

Gabriele

Freilich — freilich! Man wird mich schon erwarten! — Wie machen wir das nur mit dem Geschenk …?

Stichwort: „… das nur mit dem Geschenk …?“

Anatol

Oh — ich finde schon noch irgendeine Kleinigkeit …!

Stichwort: „… finde schon noch irgendeine Kleinigkeit …!“

Gabriele

Wer weiß, wer weiß! — Und ich habe mir schon einmal in den Kopf gesetzt, dass ich Ihrer … dass ich dem … Mädel — was aussuchen will …!

Stichwort: „… Mädel — was aussuchen will …!“

Anatol

Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau!

Stichwort: „Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau!“

Gabriele

. . Ich möchte am Liebsten dabei sein, wenn Sie ihr das Weihnachtsgeschenk bringen! … Ich habe eine solche Lust bekommen, das kleine Zimmer und das süße Mädl zu sehen! — Die weiß ja gar nicht, wie gut sie’s hat!

Stichwort: „… gar nicht, wie gut sie’s hat!“

Anatol

…!

Stichwort: „…!“

Gabriele

Nun aber, geben Sie mir die Päckchen! — Es wird so spät …

Stichwort: „… — Es wird so spät …“

Anatol

Ja, ja! Hier sind sie — aber …

Stichwort: „… Hier sind sie — aber …“

Gabriele

Bitte — winken Sie dem Wagen dort, der uns entgegen kommt …

Stichwort: „… dort, der uns entgegen kommt …“

Anatol

Diese Eile mit einem Mal?!

Stichwort: „Diese Eile mit einem Mal?!“

Gabriele

Bitte, bitte!

Stichwort: „Bitte, bitte!“

(Er winkt.)

Gabriele

Ich danke Ihnen …! Aber was machen wir nun mit dem Geschenk …?

Stichwort: „… wir nun mit dem Geschenk …?“

(Der Wagen hat gehalten; er und sie sind stehen geblieben, er will die Wagentüre öffnen ….)

Gabriele

Warten Sie! — … Ich möchte ihr selbst was schicken!

Stichwort: „… Ich möchte ihr selbst was schicken!“

Anatol

Sie …?! Gnädige Frau, Sie selbst …

Stichwort: „… …?! Gnädige Frau, Sie selbst …“

Gabriele

Was nur?! — Hier … nehmen Sie … diese Blumen … ganz einfach, diese Blumen …! Es soll nichts anderes sein, als ein Gruß, gar nichts weiter … Aber … Sie müssen ihr was dazu ausrichten. —

Stichwort: „… müssen ihr was dazu ausrichten. —“

Anatol

Gnädige Frau — Sie sind so lieb —

Stichwort: „… — Sie sind so lieb —“

Gabriele

Versprechen Sie mir, ihr’s zu bestellen … und mit den Worten, die ich Ihnen mitgeben will —

Stichwort: „… die ich Ihnen mitgeben will —“

Anatol

Gewiss!

Stichwort: „Gewiss!“

Gabriele

Versprechen Sie’s mir? —

Stichwort: „Versprechen Sie’s mir? —“

Anatol

Ja … mit Vergnügen! — Warum denn nicht!

Stichwort: „… mit Vergnügen! — Warum denn nicht!“

Gabriele (Hat die Wagentüre geöffnet.)

So sagen Sie ihr …

Stichwort: „So sagen Sie ihr …“

Anatol

Nun …?

Stichwort: „Nun …?“

Gabriele

Sagen Sie ihr: „Diese Blumen, mein … süßes Mädl, schickt Dir eine Frau, die vielleicht ebenso lieben kann wie Du und die den Mut dazu nicht hatte …“

Stichwort: „… den Mut dazu nicht hatte …““

Anatol

Gnädige … Frau!? — —

Stichwort: „Gnädige … Frau!? — —“

(Sie ist in den Wagen gestiegen — — — Der Wagen rollt fort, die Straßen sind fast menschenleer geworden.)

(Er schaut dem Wagen lange nach, bis er um eine Ecke gebogen ist … Er bleibt noch eine Weile stehn: dann sieht er auf die Uhr und eilt rasch fort.)

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Spielhinweise

  • Die Szene lebt vom Subtext: Gabriele spottet, um nicht zu zeigen, dass sie neidisch ist. Ihr Schlusssatz ist ein Geständnis.
  • Anatols Beschreibungen („die weiche Anmut eines Frühlingsabends“) sind schön und auch ein wenig selbstverliebt. Er merkt nicht, was er mit ihnen anrichtet.
  • Kurze Repliken, viele Pausenpunkte, Gedankenstriche: Schnitzlers Dialog klingt beiläufig und ist genau gebaut. Achte auf das Tempo der Wechsel.
  • Die äußere Handlung ist einfach (Gehen, Päckchen, Wagen, Blumen). Gerade deshalb eignet sich die Szene gut für ein Szenenstudium zu zweit.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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