Mercutio: Frau Mab

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Mercutio: Nun seh’ ich wohl, Frau Mab hat euch besucht.

aus Romeo und Julia (1597) von William Shakespeare · I. Aufzug, 4. Szene

Originaltext · Romeo und Julia, William Shakespeare (1597)eingerichtet
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 353 Wörter
Umfang
53 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 16–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
spöttischkomisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Eine Straße in Verona. Romeo, Mercutio und Benvolio mit Masken auf dem Weg zum Fest der Capulets. Romeo hat erzählt, ihm habe geträumt.)

  1. Nun seh’ ich wohl, Frau Mab hat euch besucht.

[…]

  1. Sie ist der Feenwelt Entbinderin.
  2. Sie kömmt, nicht größer als der Edelstein
  3. Am Zeigefinger eines Aldermanns,
  4. Und fährt mit einem Spann von Sonnenstäubchen
  5. Den Schlafenden quer auf der Nase hin.
  6. Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,
  7. Des Wagens Deck’ aus eines Heupferds Flügeln,
  8. Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,
  9. Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl;
  10. Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,
  11. Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mücke
  12. Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,
  13. Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen,
  14. Das in des Mädchens müss’gem Finger nistet.
  15. Die Kutsch’ ist eine hohle Haselnuss,
  16. Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm
  17. Zurecht gemacht, die seit uralten Zeiten
  18. Der Feen Wagner sind. In diesem Staat
  19. Trabt sie dann Nacht für Nacht; befährt das Hirn
  20. Verliebter, und sie träumen dann von Liebe;
  21. Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen,
  22. Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,
  23. Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen
  24. (Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese,
  25. Weil ihren Odem Näscherei verdarb).
  26. Bald trabt sie über eines Hofrats Nase,
  27. Dann wittert er im Traum sich Ämter aus.
  28. Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn
  29. Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt:
  30. Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann.
  31. Bald fährt sie über des Soldaten Nacken:
  32. Der träumt sofort von Niedersäbeln, träumt
  33. Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,
  34. Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;
  35. Nun trommelt’s ihm ins Ohr; da fährt er auf,
  36. Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete,
  37. Und schläft von neuem. Eben diese Mab
  38. Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht,
  39. Und flicht in strupp’ges Haar die Weichselzöpfe,
  40. Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten.
  41. Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
  42. Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
  43. Als Weiber einst die Männer zu ertragen.
  44. Dies ist sie –

[…]

  1. Wohl wahr, ich rede
  2. Von Träumen, Kindern eines müss’gen Hirns.
  3. Von nichts als eitler Phantasie erzeugt,
  4. Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht,
  5. Und flücht’ger wechselt, als der Wind, der bald
  6. Um die erfrorne Brust des Nordens buhlt,
  7. Und schnell erzürnt, hinweg von dannen schnaubend,
  8. Die Stirn zum taubeträuften Süden kehrt.

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Spielhinweise

  • Die Rede ist eine Improvisation mit Tempo: Jedes Bild zieht das nächste nach sich. Erfinde sie im Moment, statt sie aufzusagen.
  • Die Miniaturen (Spinnenbeine, Heimchenknochen, Haselnuss) brauchen Genauigkeit. Zeig sie mit Händen und Augen, so groß wie sie sind: winzig.
  • Gegen Ende kippt die Rede ins Dunkle („Dies ist die Hexe …“). Mercutio verliert sich darin. Romeos „Still, o still“ ist gestrichen und mit […] markiert; spiele das Unterbrechen mit.
  • Schlegels Blankvers trägt das Tempo. Die Schlussverse über Träume, „Kindern eines müss’gen Hirns“, sind wieder ruhig und fast traurig.

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