Die Amme: „Johannistag zu Abend wird sie vierzehn“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Die Amme (bei Schlegel: Wärterin): Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.

aus Romeo und Julia (1597) von William Shakespeare · I. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Romeo und Julia, William Shakespeare (1597)ungekürzt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 270 Wörter
Umfang
34 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 40–80redaktionelle Einschätzung
Tonlage
geschwätzigkomisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Ein Zimmer in Capulets Hause. Gräfin Capulet will mit Julia sprechen; die Amme ist dabei. Es geht um Julias Alter.)

  1. Nu, drüber oder drunter. Just den Tag,
  2. Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.
  3. Suschen und sie – Gott gebe jedem Christen
  4. Das ew’ge Leben! – waren eines Alters.
  5. Nun, Suschen ist bei Gott:
  6. Sie war zu gut für mich. Doch, wie ich sagte,
  7. Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.
  8. Das wird sie, meiner Treu; ich weiß es recht gut.
  9. Elf Jahr ist’s her, seit wir’s Erdbeben hatten:
  10. Und ich entwöhnte sie (mein Leben lang
  11. Vergess’ ich’s nicht) just auf denselben Tag.
  12. Ich hatte Wermut auf die Brust gelegt,
  13. Und saß am Taubenschlage in der Sonne;
  14. Die gnäd’ge Herrschaft war zu Mantua.
  15. (Ja, ja! Ich habe Grütz’ im Kopf!) Nun, wie ich sagte:
  16. Als es den Wermut auf der Warze schmeckte,
  17. Und fand ihn bitter – närr’sches, kleines Ding –
  18. Wie’s böse ward, und zog der Brust ein Gesicht!
  19. Krach! sagt der Taubenschlag; und ich, fürwahr,
  20. Ich wusste nicht, wie ich mich tummeln sollte.
  21. Und seit der Zeit ist’s nun elf Jahre her.
  22. Denn damals stand sie schon allein; mein Treu,
  23. Sie lief und watschelt’ euch schon flink herum.
  24. Denn Tags zuvor fiel sie die Stirn entzwei,
  25. Und da hob sie mein Mann – Gott hab ihn selig!
  26. Er war ein lust’ger Mann – vom Boden auf.
  27. Ei, sagt’ er, fällst du so auf dein Gesicht?
  28. Wirst rücklings fallen, wenn du klüger bist.
  29. Nicht wahr, mein Kind? Und, liebe, heil’ge Frau!
  30. Das Mädchen schrie nicht mehr und sagte: Ja.
  31. Da seh’ man, wie so ’n Spaß zum Vorschein kommt!
  32. Und lebt’ ich tausend Jahre lang, ich wette,
  33. Dass ich es nie vergäß’. Nicht wahr, mein Kind? sagt er,
  34. Und ’s liebe Närrchen ward still und sagte: Ja.

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Spielhinweise

  • Die Amme erzählt nicht linear. Sie springt, wiederholt sich und kehrt zur Pointe zurück. Gerade die Wiederholung („Und ’s liebe Närrchen … sagte: Ja.“) ist ihr Vergnügen.
  • Zwischen den Sätzen liegen Erinnerungen: Suschen, ihr Mann („Gott hab ihn selig!“). Der Witz ist warm, aber darunter liegt Verlust.
  • Die derbe Pointe vom rücklings Fallen soll die Gräfin nicht hören wollen. Spiele, wie die Amme die Geduld der anderen überzieht.
  • Der Text steht im Blankvers, klingt aber wie Plaudern. Für ältere Spielende eine der dankbarsten komischen Reden bei Shakespeare.

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