Antigone und Ismene: „Gemeinsamschwesterliches!“

Dialog · 2 Personen · Antike · Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)

Antigone und Ismene: Gemeinsamschwesterliches! o Ismenes Haupt!

aus Antigone von Sophokles · Hölderlins Übertragung „Antigonae“, Erster Akt, erste Szene

Originaltext · Antigone, SophoklesAusschnitt
Dauer
ca. 7 Mingeschätzt, 763 Wörter
Umfang
101 VerseAntigonä · Ismene
Figur
w · 2 Personen
Spielalter
ca. 16–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
beschwörendleidenschaftlich
Sprache
Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)behutsam modernisiert
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Antigonä

  1. Gemeinsamschwesterliches! o Ismenes Haupt!
  2. Weißt du etwas, das nicht der Erde Vater
  3. Erfuhr, mit uns, die wir bis hieher leben,
  4. Ein Nennbares, seit Ödipus gehascht ward?
  5. Nicht eine traurge Arbeit, auch kein Irrsal,
  6. Und schändlich ist, und ehrlos nirgend eines,
  7. Das ich in deinem, meinem Unglück nicht gesehn.
  8. Jetzt aber, ahnest du das, was der Feldherr
  9. Uns kundgetan, in offner Stadt, so eben?
  10. Hast du gehört es? oder weißt du nicht,
  11. Wie auf die Lieben kommet Feindesübel?

Stichwort: „… Wie auf die Lieben kommet Feindesübel?“

Ismene

  1. Nicht kam ein Wort zu mir, Antigonä, von Lieben,
  2. Kein liebliches und auch kein trauriges, seitdem
  3. Die beiden Brüder beide wir verloren;
  4. Die starben, Einen Tag, von zweien Händen;
  5. Seit aber fort das Heer von Argos ist,
  6. Vergangne Nacht, weiß ich nichts weiter mehr,
  7. Und bin nicht glücklicher und nicht betrübter.

Stichwort: „… bin nicht glücklicher und nicht betrübter.“

Antigonä

  1. Das dacht ich wohl und rief dich aus dem Hoftor
  2. Darum, dass dus besonders hören könntest.

Stichwort: „… Darum, dass dus besonders hören könntest.“

Ismene

  1. Was ists, du scheinst ein rotes Wort zu färben?

Stichwort: „… scheinst ein rotes Wort zu färben?“

Antigonä

  1. Hat mit der letzten Ehre denn nicht unsre Brüder
  2. Kreon gekränzt, beschimpfet, wechselsweise?
  3. Eteokles zwar, sagt man, behandelt er
  4. Mit rechtem Recht, gesetzgemäß, und birgt
  5. Ihn in der Erd, ehrsam den Toten drunten.
  6. Vom andern aber, der gestorben ist armselig,
  7. Von Polynikes Leibe sagen sie, man hab
  8. Es in der Stadt verkündet, dass man ihn
  9. Mit keinem Grabe berg und nicht betraure.
  10. Man soll ihn lassen unbeweint und grablos,
  11. Süß Mahl den Vögeln, die auf Fraßes Lust sehn.
  12. So etwas, sagt man, hat der gute Kreon dir
  13. Und mir, denn mich auch mein ich, kund getan,
  14. Und hierher kommt er, dies Unwissenden
  15. Deutlich zu melden. Und die Sache sei
  16. Nicht, wie für nichts. Wer etwas tut dabei,
  17. Dem wird der Tod des Steinigens im Orte.
  18. So steht es dir. Und gleich wirst du beweisen,
  19. Ob gutgeboren, ob die Böse du der Guten?

Stichwort: „… ob die Böse du der Guten?“

Ismene

  1. Was aber, o du Arme, wenn es so steht?
  2. Soll ich es lassen oder doch zu Grab gehn?

Stichwort: „… lassen oder doch zu Grab gehn?“

Antigonä

  1. Ob mittun du, mithelfen wollest, forsche!

Stichwort: „Ob mittun du, mithelfen wollest, forsche!“

Ismene

  1. Das ist vermessen. Wie bist du daran?

Stichwort: „… ist vermessen. Wie bist du daran?“

Antigonä

  1. Ob du den Toten mit der Hand hier tragest?

Stichwort: „… Toten mit der Hand hier tragest?“

Ismene

  1. Dem willst zu Grabe du gehn, dem die Stadt entsagt hat?

Stichwort: „… gehn, dem die Stadt entsagt hat?“

Antigonä

  1. Von dir und mir mein ich, auch wenn du nicht es willst,
  2. Den Bruder. Denn treulos fängt man mich nicht.

Stichwort: „… Denn treulos fängt man mich nicht.“

Ismene

  1. Verwilderte! wenn Kreon es verbietet?

Stichwort: „Verwilderte! wenn Kreon es verbietet?“

Antigonä

  1. Mit diesem hat das Meine nichts zu tun.

Stichwort: „… hat das Meine nichts zu tun.“

Ismene

  1. O mir! bedenke, Schwester, wie der Vater,
  2. Von uns, verhasst und ruhmlos untergangen,
  3. Nach selbstverschuldeten Verirrungen,
  4. Da er sein Augenpaar mit eigner Hand zerstochen.
  5. Und dann die Mutter, Ehefrau zugleich,
  6. Ein doppelt Leiden, mit gewundnen Stricken
  7. Verstümmelte das Leben sie. Zum dritten
  8. Die beiden Brüder, die an Einem Tage
  9. Verwandten Tod mit Gegnershand bewirket.
  10. Und nun wir zwei, die wir allein geblieben,
  11. Sieh, wie am schlimmsten wir vergingen, wenn
  12. Gewaltsam wir des Herrn Befehl und Kraft
  13. Verfehlten. Dies auch denke, Weiber sind wir,
  14. Und dürfen so nicht gegen Männer streiten.
  15. Und dann auch, weil von Stärkern wir beherrscht sind,
  16. So müssen wir dies hören; Härters noch!
  17. Ich also bitte sie, die drunten sind,
  18. Mir zu verzeihen, dass mir dies geschieht,
  19. Und lass sie walten, die da ferne gehen,
  20. Denn Überflüssiges zu tun, ist sinnlos.

Stichwort: „… Denn Überflüssiges zu tun, ist sinnlos.“

Antigonä

  1. Befehlen will ichs nicht, und wolltest dus nun
  2. Noch tun, es wär in deiner Hülfe Lust nicht.
  3. Nein! denke du, wie dirs gefällt; doch ihn
  4. Begrab ich. Schön ist es hernach, zu sterben.
  5. Lieb werd ich bei ihm liegen, bei dem Lieben,
  6. Wenn Heiligs ich vollbracht. Und dann ists mehr Zeit,
  7. Dass denen drunten ich gefall, als hier.
  8. Dort wohn ich ja für immer einst. Doch du,
  9. Beliebt es, halt ehrlos vor Göttern Ehrsams.

Stichwort: „… es, halt ehrlos vor Göttern Ehrsams.“

Ismene

  1. Für ehrlos halt ichs nicht. Zum Schritt allein, den Bürger
  2. Im Aufstand tun, bin linkisch ich geboren.

Stichwort: „… Aufstand tun, bin linkisch ich geboren.“

Antigonä

  1. Nimm nun zum Vorwand dies. Ich aber gehe,
  2. Ein Grab dem liebsten Bruder aufzuwerfen.

Stichwort: „… Ein Grab dem liebsten Bruder aufzuwerfen.“

Ismene

  1. Ich Arme! oh! wie fürcht ich für dich!

Stichwort: „… oh! wie fürcht ich für dich!“

Antigonä

  1. Mir rate nicht! komm aus mit deinem Leben!

Stichwort: „… nicht! komm aus mit deinem Leben!“

Ismene

  1. Meinwegen. Lass die Tat nur niemand hören!
  2. Halt dich jetzt still! So kann ich mit dabei sein.

Stichwort: „… So kann ich mit dabei sein.“

Antigonä

  1. O mir! schrei laut es aus! Ich hasse nur noch mehr dich,
  2. Schweigst du und sagst nicht dieses aus vor allen.

Stichwort: „… sagst nicht dieses aus vor allen.“

Ismene

  1. Warm für die Kalten leidet deine Seele.

Stichwort: „… für die Kalten leidet deine Seele.“

Antigonä

  1. Ich weiß, wem ich gefallen muss am meisten.

Stichwort: „… wem ich gefallen muss am meisten.“

Ismene

  1. Könntst du es, doch Untunliches versuchst du.

Stichwort: „… du es, doch Untunliches versuchst du.“

Antigonä

  1. Gewiss! kann ich es nicht, so muss ichs lassen.

Stichwort: „… es nicht, so muss ichs lassen.“

Ismene

  1. Gleich anfangs muss niemand Untunlichs jagen.

Stichwort: „Gleich anfangs muss niemand Untunlichs jagen.“

Antigonä

  1. Magst du so etwas sagen, hass ich dich,
  2. Hasst auch dich der Gestorbene mit Recht.
  3. Lass aber mich und meinen irren Rat
  4. Das Gewaltige leiden. Ich bin überall nicht so
  5. Empfindsam, dass ich sollt unschönen Todes sterben.

Stichwort: „… dass ich sollt unschönen Todes sterben.“

Ismene

  1. Wenn dir es dünkt, so geh. Wiss aber dies,
  2. Sinnlos, doch lieb in liebem Tone sprichst du.

Stichwort: „… lieb in liebem Tone sprichst du.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Zwei Haltungen stehen gegeneinander, beide begründet. Spiele Ismene nicht als Schwächling: Sie hat gute Gründe und große Angst um die Schwester.
  • Im zweiten Teil wechseln einzelne Verse rasch hin und her. Diese Stichomythie braucht Tempo und genaues Zuhören.
  • Hölderlins Sprache ist ungewohnt („Was ists, du scheinst ein rotes Wort zu färben?“). Kläre jeden Satz vorher, dann tragen die Bilder.
  • Die Schwestern lieben sich. Die Härte entsteht, weil beide den Abstand nicht ertragen. Der letzte Vers („Sinnlos, doch lieb in liebem Tone sprichst du“) ist Ismenes Liebeserklärung.

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