(Venedig, Ratssaal. Brabantio klagt Othello an, er habe seine Tochter Desdemona mit Zauberei verführt. Der Herzog fordert Othello zur Antwort auf.)
- Ehrwürd’ger, mächt’ger und erlauchter Rat,
- Sehr edle, wohlerprobte, gute Herrn, –
- Dass ich dem alten Mann die Tochter nahm,
- Ist völlig wahr; wahr, sie ist mir vermählt.
- Der Tatbestand und Umfang meiner Schuld
- Reicht so weit, weiter nicht. Ich bin von rauem Wort,
- Und schlecht begabt mit milder Friedensrede.
- Seit siebenjähr’ge Kraft mein Arm gewann,
- Bis vor neun Monden etwa, übt’ er stets
- Nur Kriegestat im Felde wie im Lager;
- Und wenig lernt’ ich von dem Lauf der Welt,
- Als was zum Streit gehört und Werk der Schlacht;
- Drum wenig Schmuck wohl leih’ ich meiner Sache,
- Red’ ich für mich. Dennoch, mit eurer Gunst,
- Erzähl’ ich schlicht und ungefärbt den Hergang
- Von meiner Liebe; was für Tränk’ und Künste,
- Was für Beschwörung, welches Zaubers Kraft
- – Denn solcher Mittel steh’ ich angeklagt –
- Die Jungfrau mir gewann.
[…]
- Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein,
- Erforschte meines Lebens Lauf von Jahr
- Zu Jahr: die Schlachten, Stürme, Schicksalswechsel,
- So ich bestand.
- Ich ging es durch, vom Knabenalter her,
- Bis auf den Augenblick, wo er gefragt.
- So sprach ich denn von manchem harten Fall,
- Von schreckender Gefahr zu See und Land;
- Wie ich ums Haar dem droh’nden Tod entrann;
- Wie mich der stolze Feind gefangen nahm,
- Und mich als Sklav’ verkauft; wie ich erlöst
- Und meiner Reisen wundervolle Fahrt:
- Wobei von weiten Höhlen, wüsten Steppen,
- Steinbrüchen, Felsen, himmelhohen Bergen
- Zu melden war im Fortgang der Geschichte;
- Von Kannibalen, die einander schlachten,
- Anthropophagen, Völkern, deren Kopf
- Wächst unter ihrer Schulter: das zu hören
- War Desdemona eifrig stets geneigt.
- Oft aber rief ein Hausgeschäft sie ab;
- Und immer, wenn sie eilig dies vollbracht,
- Gleich kam sie wieder, und mit durst’gem Ohr
- Verschlang sie meine Rede. Dies bemerkend,
- Ersah ich einst die günst’ge Stund’ und gab
- Ihr Anlass, dass sie mich recht herzlich bat,
- Die ganze Pilgerschaft ihr zu erzählen,
- Von der sie stückweis einzelnes gehört,
- Doch nicht in strenger Folge. Ich begann,
- Und oftmals hatt’ ich Tränen ihr entlockt,
- Wenn ich ein leidvoll Abenteu’r berichtet
- Aus meiner Jugend. Als ich nun geendigt,
- Gab sie zum Lohn mir eine Welt von Seufzern:
- Sie schwur – in Wahrheit, seltsam! Wunderseltsam!
- Und rührend war’s! unendlich rührend war’s! –
- Sie wünschte, dass sie’s nicht gehört; doch wünschte sie,
- Der Himmel habe sie als solchen Mann
- Geschaffen, und sie dankte mir, und bat mich,
- Wenn je ein Freund von mir sie lieben sollte,
- Ich mög’ ihn die Geschicht’ erzählen lehren,
- Das würde sie gewinnen. Auf den Wink
- Erklärt’ ich mich:
- Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand;
- Ich liebte sie um ihres Mitleids willen:
- Das ist der ganze Zauber, den ich brauchte;
- Hier kommt das Fräulein, lasst sie dies bezeugen!
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