Helena: „Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Gereimte Verse (Übersetzung Schlegel)

Helena: Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!

aus Ein Sommernachtstraum (1595) von William Shakespeare · I. Aufzug, 1. Szene

Originaltext · Ein Sommernachtstraum, William Shakespeare (1595)ungekürzt
Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 194 Wörter
Umfang
26 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 16–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gekränkttragikomisch
Sprache
Gereimte Verse (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Athen. Hermia und Lysander sind gegangen; sie wollen morgen Nacht gemeinsam fliehen. Helena bleibt allein.)

  1. Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!
  2. Ich werde für so schön wie sie gehalten.
  3. Was hilft es mir, solang’ Demetrius
  4. Nicht wissen will, was jeder wissen muss?
  5. Wie Wahn ihn zwingt, an Hermias Blick zu hangen,
  6. Vergöttr’ ich ihn, von gleichem Wahn befangen.
  7. Dem schlechtsten Ding an Art und an Gehalt
  8. Leiht Liebe dennoch Ansehn und Gestalt.
  9. Sie sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen,
  10. Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen.
  11. Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind.
  12. Auch malt man ihn geflügelt und als Kind,
  13. Weil er, von Spiel zu Spielen fortgezogen,
  14. In seiner Wahl so häufig wird betrogen.
  15. Wie Buben oft im Scherze lügen, so
  16. Ist auch Cupido falscher Schwüre froh.
  17. Eh’ Hermia meinen Liebsten musst’ entführen,
  18. Ergoss er mir sein Herz in tausend Schwüren;
  19. Doch, kaum erwärmt von jener neuen Glut,
  20. Verrann, versiegte diese wilde Flut.
  21. Jetzt geh’ ich, Hermias Flucht ihm mitzuteilen!
  22. Er wird ihr nach zum Walde morgen eilen.
  23. Zwar, wenn er Dank für den Bericht mir weiß,
  24. So kauf’ ich ihn um einen teuren Preis.
  25. Doch will ich, mich für meine Müh’ zu laben,
  26. Hin und zurück des Holden Anblick haben.

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Spielhinweise

  • Helena spricht in Reimpaaren. Lass die Reime hören, ohne zu leiern: Sie denkt scharf und mit Witz über sich selbst nach.
  • Der Mittelteil über Amor („Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind“) ist eine kleine Lehrrede. Sie erklärt sich die Welt, um nicht zu weinen.
  • Der Plan am Schluss ist unvernünftig und sie weiß es („So kauf’ ich ihn um einen teuren Preis“). Genau das macht ihn spielbar.
  • Ein komisch-trauriger Monolog für junge Frauen; geeignet für Self-Tapes.

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