Moritz Stiefel: „Ich passe nicht hinein“

Monolog · Jahrhundertwende · Prosa

Moritz Stiefel: Ich passe nicht hinein.

aus Frühlings Erwachen (1891) von Frank Wedekind · II. Akt, 7. Szene

Originaltext · Frühlings Erwachen, Frank Wedekind (1891)Ausschnitt
Dauer
ca. 5 Mingeschätzt, 653 Wörter
Umfang
653 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 14–25redaktionelle Einschätzung
Tonlage
trotzigernst & dramatisch
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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(Abenddämmerung. Der Himmel ist leicht bewölkt. Der Weg schlängelt sich durch niedres Gebüsch und Riedgras. In einiger Entfernung hört man den Fluss rauschen.)

Besser ist besser. — Ich passe nicht hinein. Mögen sie einander auf die Köpfe steigen. — Ich ziehe die Tür hinter mir zu und trete ins Freie. — Ich gebe nicht soviel darum, mich herumdrücken zu lassen.

Ich habe mich nicht aufgedrängt. Was soll ich mich jetzt aufdrängen! — Ich habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott. Mag man die Sache drehen, wie man sie drehen will. Man hat mich gepresst. — Meine Eltern mache ich nicht verantwortlich. Immerhin mussten sie auf das Schlimmste gefasst sein. Sie waren alt genug, um zu wissen, was sie taten. Ich war ein Säugling als ich zur Welt kam — sonst wär’ ich wohl auch noch so schlau gewesen, ein Anderer zu werden. — Was soll ich dafür büßen, dass alle Andern schon da waren!

Ich müsste ja auf den Kopf gefallen sein … macht mir jemand einen tollen Hund zum Geschenk, dann gebe ich ihm seinen tollen Hund zurück. Und will er seinen tollen Hund nicht zurücknehmen, dann bin ich menschlich und …

Ich müsste ja auf den Kopf gefallen sein!

Man wird ganz per Zufall geboren und sollte nicht nach reiflichster Überlegung — — — es ist zum Totschießen!

— Das Wetter zeigt sich wenigstens rücksichtsvoll. Den ganzen Tag sah es nach Regen aus und nun hat es sich doch gehalten. — Es herrscht eine seltene Ruhe in der Natur. Nirgends etwas Grelles, Aufreizendes. Himmel und Erde sind wie durchsichtiges Spinnewebe. Und dabei scheint sich alles so wohl zu fühlen. Die Landschaft ist lieblich wie eine Schlummermelodie — „schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“, wie Fräulein Snandulia sang. Schade, dass sie die Ellbogen ungraziös hält! — Am Cäcilienfest habe ich zum letzten Male getanzt. Snandulia tanzt nur mit Partien. Ihre Seidenrobe war hinten und vorn ausgeschnitten. Hinten bis auf den Taillengürtel und vorne bis zur Bewusstlosigkeit. — Ein Hemd kann sie nicht angehabt haben … — — — — — — — — — — — — — —

— das wäre etwas, was mich noch fesseln könnte. — Mehr der Kuriosität halber. — Es muss ein sonderbares Empfinden sein — — ein Gefühl, als würde man über Stromschnellen gerissen — — — Ich werde es niemandem sagen, dass ich unverrichteter Sache wiederkehre. Ich werde so tun, als hätte ich alles das mitgemacht … Es hat etwas Beschämendes, Mensch gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennen gelernt zu haben. — Sie kommen aus Ägypten, verehrter Herr, und haben die Pyramiden nicht geseh’n?!

Ich will heute nicht wieder weinen. Ich will nicht wieder an mein Begräbnis denken — — Melchior wird mir einen Kranz auf den Sarg legen. Pastor Kahlbauch wird meine Eltern trösten. Rektor Sonnenstich wird Beispiele aus der Geschichte zitieren. — Einen Grabstein werd’ ich ja wahrscheinlich nicht bekommen. Ich hätte mir eine schneeweiße Marmorurne auf schwarzem Syenitsockel gewünscht — ich werde sie ja gottlob nicht vermissen. Die Denkmäler sind für die Lebenden, nicht für die Toten.

Ich brauchte wohl ein Jahr, um in Gedanken von allem Abschied zu nehmen. Ich will nicht wieder weinen. Ich bin so froh, ohne Bitterkeit zurückblicken zu dürfen. Wie manchen schönen Abend ich mit Melchior verlebt habe! — unter den Uferweiden; beim Forsthaus; am Herrweg draußen, wo die fünf Linden stehen; auf dem Schloßberg, zwischen den lauschigen Trümmern der Runenburg — — — Wenn die Stunde gekommen, will ich aus Leibeskräften an Schlagsahne denken. Schlagsahne hält nicht auf. Sie stopft und hinterlässt dabei doch einen angenehmen Nachgeschmack … Auch die Menschen hatte ich mir unendlich schlimmer gedacht. Ich habe keinen gefunden, der nicht sein bestes gewollt hätte. Ich habe manchen bemitleidet um meinetwillen.

Ich wandle zum Altar wie der Jüngling im alten Etrurien, dessen letztes Röcheln der Brüder Wohlergehen für das kommende Jahr erkauft. — Ich durchkoste Zug für Zug die geheimnisvollen Schauer der Loslösung. Ich schluchze vor Wehmut über mein Los. — — Das Leben hat mir die kalte Schulter gezeigt. Von drüben her sehe ich ernste freundliche Blicke winken: die kopflose Königin, die kopflose Königin — Mitgefühl, mich mit weichen Armen erwartend … Eure Gebote gelten für Unmündige; ich trage mein Freibillet in mir. Sinkt die Schale, dann flattert der Falter davon; das Trugbild geniert nicht mehr. — Ihr solltet kein tolles Spiel mit dem Schwindel treiben! Der Nebel zerrinnt; das Leben ist Geschmacksache.

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Spielhinweise

  • Moritz argumentiert, er klagt nicht. Er sucht kühle Sätze („Das Leben ist Geschmacksache“) für etwas, das ihn überwältigt. Gerade diese Fassung macht die Szene schwer erträglich.
  • Wedekind schreibt keine naturalistische Alltagssprache. Die Sätze sind geschliffen, fast ironisch. Spiele den Widerspruch zwischen Form und Lage, ohne ihn zu kommentieren.
  • Die „kopflose Königin“ stammt aus einer Geschichte, die Moritz früher im Stück erzählt. Sie ist sein Bild für einen Trost jenseits des Lebens.
  • Der Text behandelt Suizid. Achte bei der Arbeit auch auf dich und auf den Ausstieg aus der Rolle. Wer selbst belastet ist, findet rund um die Uhr Hilfe bei der Telefonseelsorge: 0800 111 0 111.

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