(Wohnzimmer.)
Frau Bergmann (den Hut auf, die Mantille um, einen Korb am Arm, mit strahlendem Gesicht durch die Mitteltür eintretend.)
Wendla! – Wendla!
Stichwort: „Wendla! – Wendla!“
Wendla (erscheint in Unterröckchen und Korsett in der Seitentür rechts)
Was gibt’s, Mutter?
Stichwort: „Was gibt’s, Mutter?“
Frau Bergmann
Du bist schon auf, Kind? – Sieh, das ist schön von dir!
Stichwort: „… Sieh, das ist schön von dir!“
Wendla
Du warst schon ausgegangen?
Stichwort: „Du warst schon ausgegangen?“
Frau Bergmann
Zieh dich nun nur flink an! – Du musst gleich zu Ina hinunter. Du musst ihr den Korb da bringen!
Stichwort: „… musst ihr den Korb da bringen!“
Wendla (sich während des folgenden vollends ankleidend)
Du warst bei Ina? – Wie geht es Ina? – Will’s noch immer nicht bessern?
Stichwort: „… – Will’s noch immer nicht bessern?“
Frau Bergmann
Denke dir, Wendla, diese Nacht war der Storch bei ihr und hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.
Stichwort: „… hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.“
Wendla
Einen Jungen? – Einen Jungen! – O das ist herrlich! – – Deshalb die langwierige Influenza!
Stichwort: „… – – Deshalb die langwierige Influenza!“
Frau Bergmann
Einen prächtigen Jungen!
Stichwort: „Einen prächtigen Jungen!“
Wendla
Den muss ich sehen, Mutter! – So bin ich nun zum dritten Mal Tante geworden – Tante von einem Mädchen und zwei Jungens!
Stichwort: „… von einem Mädchen und zwei Jungens!“
Frau Bergmann
Und was für Jungens! – So geht’s eben, wenn man so dicht beim Kirchendach wohnt! – Morgen sind’s erst zwei Jahr, dass sie in ihrem Mullkleid die Stufen hinanstieg.
Stichwort: „… in ihrem Mullkleid die Stufen hinanstieg.“
[…]
Wendla
Ich hätte so furchtbar gerne gewusst, ob er durchs Fenster oder durch den Schornstein geflogen kam.
Stichwort: „… oder durch den Schornstein geflogen kam.“
Frau Bergmann
Da musst du Ina fragen. Ha, das musst du Ina fragen, liebes Herz! Ina sagt dir das ganz genau. Ina hat ja eine ganze halbe Stunde mit ihm gesprochen.
Stichwort: „… ganze halbe Stunde mit ihm gesprochen.“
Wendla
Ich werde Ina fragen, wenn ich hinunterkomme.
Stichwort: „… werde Ina fragen, wenn ich hinunterkomme.“
Frau Bergmann
Aber ja nicht vergessen, du süßes Engelsgeschöpf! Es interessiert mich wirklich selbst, zu wissen, ob er durchs Fenster oder durch den Schornstein kam.
Stichwort: „… Fenster oder durch den Schornstein kam.“
Wendla
Oder soll ich nicht lieber den Schornsteinfeger fragen? – Der Schornsteinfeger muss es doch am besten wissen, ob er durch den Schornstein fliegt oder nicht.
Stichwort: „… durch den Schornstein fliegt oder nicht.“
Frau Bergmann
Nicht den Schornsteinfeger, Kind; nicht den Schornsteinfeger. Was weiß der Schornsteinfeger vom Storch! – Der schwatzt dir allerhand dummes Zeug vor, an das er selbst nicht glaubt ... Wa – was glotzst du so auf die Straße hinunter??
Stichwort: „… du so auf die Straße hinunter??“
Wendla
Ein Mann, Mutter – dreimal so groß wie ein Ochse! – mit Füßen wie Dampfschiffe ...!
Stichwort: „… – mit Füßen wie Dampfschiffe ...!“
Frau Bergmann (ans Fenster stürzend)
Nicht möglich! – Nicht möglich! –
Stichwort: „Nicht möglich! – Nicht möglich! –“
Wendla (zugleich)
Eine Bettlade hält er unterm Kinn, fiedelt die Wacht am Rhein drauf – – eben biegt er um die Ecke ...
Stichwort: „… biegt er um die Ecke ...“
Frau Bergmann
Du bist und bleibst doch ein Kindskopf! – Deine alte einfältige Mutter so in Schrecken jagen! – Geh, nimm deinen Hut. Nimmt mich Wunder, wann bei dir einmal der Verstand kommt. – Ich habe die Hoffnung aufgegeben.
Stichwort: „… – Ich habe die Hoffnung aufgegeben.“
Wendla
Ich auch, Mütterchen, ich auch. – Um meinen Verstand ist es ein traurig Ding. – Hab’ ich nun eine Schwester, die ist seit zwei und einem halben Jahre verheiratet, und ich selber bin zum dritten Male Tante geworden, und habe gar keinen Begriff, wie das alles zugeht ... Nicht böse werden, Mütterchen; nicht böse werden! Wen in der Welt soll ich denn fragen als dich! Bitte, liebe Mutter, sag es mir! Sag’s mir, geliebtes Mütterchen! Ich schäme mich vor mir selber. Ich bitte dich, Mutter, sprich! Schilt mich nicht, dass ich so etwas frage. Gib mir Antwort – wie geht es zu? – wie kommt das alles? – Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, dass ich bei meinen vierzehn Jahren noch an den Storch glaube.
Stichwort: „… Jahren noch an den Storch glaube.“
Frau Bergmann
Aber du großer Gott, Kind, wie bist du sonderbar! – Was du für Einfälle hast! – Das kann ich ja doch wahrhaftig nicht!
Stichwort: „… kann ich ja doch wahrhaftig nicht!“
Wendla
Warum denn nicht, Mutter! – Warum denn nicht! – Es kann ja doch nichts Hässliches sein, wenn sich alles darüber freut!
Stichwort: „… sein, wenn sich alles darüber freut!“
Frau Bergmann
O – o Gott behüte mich! – Ich verdiente ja ... Geh, zieh dich an, Mädchen; zieh dich an!
Stichwort: „… dich an, Mädchen; zieh dich an!“
Wendla
Ich gehe, ... Und wenn dein Kind nun hingeht und fragt den Schornsteinfeger?
Stichwort: „… nun hingeht und fragt den Schornsteinfeger?“
Frau Bergmann
Aber das ist ja zum Närrischwerden! – Komm Kind, komm her, ich sag es dir! Ich sage dir Alles ... O du grundgütige Allmacht! – nur heute nicht, Wendla! – Morgen, übermorgen, kommende Woche ... wann du nur immer willst, liebes Herz ...
Stichwort: „… nur immer willst, liebes Herz ...“
Wendla
Sag es mir heute, Mutter; sag es mir jetzt! Jetzt gleich! – Nun ich dich so entsetzt gesehen, kann ich erst recht nicht eher wieder ruhig werden.
Stichwort: „… recht nicht eher wieder ruhig werden.“
Frau Bergmann
– Ich kann nicht, Wendla.
Stichwort: „– Ich kann nicht, Wendla.“
Wendla
O, warum kannst du nicht, Mütterchen! – Hier knie ich zu deinen Füßen und lege dir meinen Kopf in den Schoß. Du deckst mir deine Schürze über den Kopf und erzählst und erzählst, als wärst du mutterseelenallein im Zimmer. Ich will nicht zucken; ich will nicht schreien; ich will geduldig ausharren, was immer kommen mag.
Stichwort: „… geduldig ausharren, was immer kommen mag.“
Frau Bergmann
– Der Himmel weiß, Wendla, dass ich nicht die Schuld trage! Der Himmel kennt mich! – Komm in Gottes Namen! – Ich will dir erzählen, Mädchen, wie du in diese Welt hineingekommen. – So hör mich an, Wendla ...
Stichwort: „… So hör mich an, Wendla ...“
Wendla (unter ihrer Schürze)
Ich höre.
Stichwort: „Ich höre.“
Frau Bergmann (ekstatisch)
– Aber es geht ja nicht, Kind! – Ich kann es ja nicht verantworten. – Ich verdiene ja, dass man mich ins Gefängnis setzt – dass man dich von mir nimmt ...
Stichwort: „… man dich von mir nimmt ...“
Wendla (unter ihrer Schürze)
Fass dir ein Herz, Mutter!
Stichwort: „Fass dir ein Herz, Mutter!“
Frau Bergmann
So höre denn ...!
Stichwort: „So höre denn ...!“
Wendla (unter ihrer Schürze, zitternd)
O Gott, o Gott!
Stichwort: „O Gott, o Gott!“
Frau Bergmann
Um ein Kind zu bekommen – du verstehst mich, Wendla?
Stichwort: „… bekommen – du verstehst mich, Wendla?“
Wendla
Rasch, Mutter – ich halt’s nicht mehr aus.
Stichwort: „… – ich halt’s nicht mehr aus.“
Frau Bergmann
– Um ein Kind zu bekommen – muss man den Mann – mit dem man verheiratet ist ... lieben – lieben sag’ ich dir – wie man nur einen Mann lieben kann! Man muss ihn so sehr von ganzem Herzen lieben, wie – wie sich’s nicht sagen lässt! Man muss ihn lieben, Wendla, wie du in deinen Jahren noch gar nicht lieben kannst ... Jetzt weißt du’s.
Stichwort: „… lieben kannst ... Jetzt weißt du’s.“
Wendla (sich erhebend)
Großer – Gott – im Himmel!
Stichwort: „Großer – Gott – im Himmel!“
Frau Bergmann
Jetzt weißt du, welche Prüfungen dir bevorstehen!
Stichwort: „… weißt du, welche Prüfungen dir bevorstehen!“
Wendla
– Und das ist alles?
Stichwort: „– Und das ist alles?“
Frau Bergmann
So wahr mir Gott helfe! – – Nimm nun den Korb da und geh zu Ina hinunter. Du bekommst dort Schokolade und Kuchen dazu. – Komm, lass dich noch einmal betrachten – die Schnürstiefel, die seidenen Handschuhe, die Matrosentaille, die Rosen im Haar ...... dein Röckchen wird dir aber wahrhaftig nachgerade zu kurz, Wendla!
Stichwort: „… aber wahrhaftig nachgerade zu kurz, Wendla!“
Wendla
Hast du für Mittag schon Fleisch gebracht, Mütterchen?
Stichwort: „… für Mittag schon Fleisch gebracht, Mütterchen?“
Frau Bergmann
Der liebe Gott behüte dich und segne dich! – Ich werde dir gelegentlich eine Handbreit Volants unten ansetzen.
Stichwort: „… gelegentlich eine Handbreit Volants unten ansetzen.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
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