Lucile: „Es ist doch was wie Ernst daran“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Prosa mit Liedzeilen

Lucile Desmoulins: Es ist doch was wie Ernst daran.

aus Dantons Tod (1835) von Georg Büchner · Schluss des Dramas: Szenen „Eine Straße“ und „Der Revolutionsplatz“ (IV. Akt)

Originaltext · Dantons Tod, Georg Büchner (1835)eingerichtet
Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 198 Wörter
Umfang
4 Verseeingerichtet
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
fassungslosernst & dramatisch
Sprache
Prosa mit Liedzeilenbehutsam modernisiert
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(Eine Straße.)

Es ist doch was wie Ernst daran. Ich will einmal nachdenken. Ich fange an, so was zu begreifen. Sterben — Sterben — ! — Es darf ja Alles leben, Alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müsste stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müsste eine Wunde bekommen von dem Streich. — Es regt sich Alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute laufen, das Wasser rinnt, und so Alles weiter bis da, dahin! — Nein, es darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und schreien, dass erschrocken Alles stockt, sich nichts mehr reget. (Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich) Das hilft nichts, das ist noch Alles wie sonst, die Häuser, die Gasse, der Wind geht, die Wolken ziehen. Wir müssen’s wohl leiden.

(Einige Weiber kommen die Gasse herunter.)

[…]

Mein Camille! Wo soll ich dich jetzt suchen?

[…]

(Tritt auf und setzt sich auf die Stufen der Guillotine.)

Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel.

(Sie singt.)

  1. Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
  2. Hat Gewalt vom höchsten Gott.

Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner süßen Zunge zu Grabe sangst.

(Sie singt.)

  1. Viel hunderttausend sind ungezählt,
  2. Was nur unter die Sichel fällt.

(Eine Patrouille tritt auf.)

[…]

(Sinnend und wie ein Entschluss fassend, plötzlich.)

Es lebe der König!

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Spielhinweise

  • Büchners Sätze sind einfach, fast kindlich („Es darf ja Alles leben, Alles, die kleine Mücke da, der Vogel“). Spiele keinen Wahnsinn, sondern eine Frau, die mit voller Klarheit etwas Unbegreifliches zu denken versucht.
  • Der Schrei steht als Regieanweisung im Text: Sie will die Welt anhalten, und nichts geschieht. Der Satz danach („Das hilft nichts“) ist die eigentliche Erkenntnis.
  • Die Liedzeilen stammen aus einem alten Lied vom Tod als Schnitter. Sing sie schlicht, ohne nach einer schönen Melodie zu suchen, oder sprich sie im Rhythmus.
  • Die Rufe der Frauen und der Patrouille sind gestrichen und mit […] markiert. „Es lebe der König!“ ist kein Ausbruch, sondern ein Entschluss: Lucile weiß, was dieser Ruf bedeutet.

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