Ottokar: „Margarethe, so bist du tot und hast mir nicht verziehn?“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Blankvers mit gereimten Stellen

König Ottokar: Margarethe, So bist du tot und hast mir nicht verziehn?

aus König Ottokars Glück und Ende (1825) von Franz Grillparzer · V. Aufzug

Originaltext · König Ottokars Glück und Ende, Franz Grillparzer (1825)ungekürzt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 219 Wörter
Umfang
30 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 45–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
reuevollernst & dramatisch
Sprache
Blankvers mit gereimten Stellenbehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Götzendorf, im Haus des Küsters am Kirchhof. Ottokar steht vor dem Sarg seiner verstoßenen ersten Frau Margarethe.)

(Bleibt an der Türe stehen.)

  1. Margarethe,
  2. So bist du tot und hast mir nicht verziehn?

(Er kommt zurück.)

  1. Bist hingegangen, treue, fromme Seele,
  2. Mit dem Gefühl des Unrechts in der Brust,
  3. Und stehst wohl jetzt vor Gottes Richterstuhl
  4. Und klagst mich an, rufst Rache wider mich!
  5. O, tus nicht, Margaretha, tu es nicht!
  6. Du bist gerächt. Um was ich dich und alles gab,
  7. Gefallen ists von mir, wie Laub im Herbst.
  8. Was ich gesammelt, ist im Wind zerstoben,
  9. Der Segen fort, der fruchtend kommt von oben,
  10. Und einsam steh ich da, von Leid gebeugt,
  11. Und niemand tröstet mich und hört mich!

(Er tritt näher.)

  1. Sie haben schlimm an mir getan, Margrethe!
  2. Der Undank hob sein Haupt auf gegen mich.
  3. Die mir die Nächsten, haben mich verraten,
  4. Die ich gehoben, haben mich gestürzt.
  5. Das Weib, um das ich hingab deinen Wert,
  6. Sie hat das Herz im Busen mir zerspalten,
  7. Die Ehre mein verkauft an meinen Knecht;
  8. Und als ich blutend heimkam aus der Schlacht,
  9. Goss sie mir Gift, statt Balsam, in die Wunden.
  10. Mit Hohn und Spott hat sie mich aufgestachelt,
  11. Dass blind ich rannte in das Todesnetz,
  12. Das nun zusammenschlägt ob meinem Scheitel.

(Er kniet am Sarge.)

  1. Du hast mich oft getröstet; tröste nun!
  2. Streck aus die kalte Hand und segne mich.
  3. Denn eines fühl ich wohl: es kommt zu sterben;
  4. Der heutge Tag kann Ottokar verderben,
  5. Drum segne mich, wie du gesegnet bist!

(Er legt sein Haupt auf die Kissen.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Ottokar spricht zu jemandem, der nicht antworten kann. Gib der Toten einen genauen Platz im Raum und sprich wirklich zu ihr.
  • Der Monolog folgt den Schritten seiner Annäherung: an der Tür, zurück, näher, kniend, den Kopf auf dem Kissen. Diese Wege sind die Szene.
  • Er klagt auch an: die Undankbaren, die zweite Frau. Lass die alte Wut kurz aufblitzen, bevor sie wieder in Reue umschlägt.
  • Die gereimten Schlussverse sind eine Bitte um Segen. Werde dabei leiser; zur Fallhöhe eines Königs passt keine Lautstärke.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top