Robespierre: „Geh’ nur!“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Prosa

Robespierre: Ich weiß nicht, was in mir das Andere belügt.

aus Dantons Tod (1835) von Georg Büchner · I. Akt, 6. Szene (Monologfassung)

Originaltext · Dantons Tod, Georg Büchner (1835)eingerichtet
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 471 Wörter
Umfang
471 Wörtereingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gereizternst & dramatisch
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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(Robespierre allein.)

Geh’ nur! Er will die Rosse der Revolution am Bordell halten machen, wie ein Kutscher seine dressierten Gäule; sie werden Kraft genug haben, ihn zum Revolutionsplatz zu schleifen. — Mir die Absätze von den Schuhen treten! — Um bei deinen Begriffen zu bleiben! — Halt! Halt! Ist’s das eigentlich? — Sie werden sagen: seine gigantische Gestalt hätte zu viel Schatten auf mich geworfen, ich hätte ihn deswegen aus der Sonne gehen heißen. — Und wenn sie Recht hätten? — Ist’s denn so notwendig? Ja, ja, die Republik! Er muss weg! — Es ist lächerlich, wie meine Gedanken einander beaufsichtigen. — Er muss weg. Wer in einer Masse, die vorwärts drängt, stehen bleibt, leistet so gut Widerstand, als trät’ er ihr entgegen, er wird zertreten. — Wir werden das Schiff der Revolution nicht auf den seichten Berechnungen und den Schlammbänken dieser Leute stranden lassen, wir müssen die Hand abhauen, die es zu halten wagt, und wenn er es mit den Zähnen packte! — Weg mit einer Gesellschaft, die der toten Aristokratie die Kleider ausgezogen und ihren Aussatz geerbt hat. — Keine Tugend! die Tugend ein Absatz meiner Schuhe! Bei meinen Begriffen! — Wie das immer wieder kommt. — Warum kann ich den Gedanken nicht los werden? Er deutet mit blutigem Finger immer da, da hin! Ich mag so viel Lappen darum wickeln, als ich will, das Blut schlägt immer durch. —

(Nach einer Pause.)

Ich weiß nicht, was in mir das Andere belügt. (Tritt ans Fenster) Die Nacht schnarcht über der Erde und wälzt sich im wüsten Traum. Gedanken, Wünsche, kaum geahnt, wirr und gestaltlos, die scheu vor des Tages Licht sich verkrochen, empfangen jetzt Form und Gewand und stehlen sich in das stille Haus des Traumes. Sie öffnen die Türen, sie sehen aus den Fenstern, sie werden halbwegs Fleisch, die Glieder strecken sich im Schlaf, die Lippen murmeln. —

Und ist nicht unser Wachen ein hellerer Traum, sind wir nicht Nachtwandler, ist nicht unser Handeln, wie das im Traum, — nur deutlicher, bestimmter, durchgeführter? Wer will uns darum schelten? In einer Stunde verrichtet der Geist mehr Taten des Gedankens, als der träge Organismus unseres Leibes in Jahren nachzutun vermag. Die Sünde ist im Gedanken. Ob der Gedanke Tat wird, ob ihn der Körper nachspielt, das ist Zufall.

(St. Just tritt ein.)

[…]

Ja wohl, Blutmessias, der opfert und nicht geopfert wird. Er hat sie mit seinem Blut erlöst, und ich erlöse sie mit ihrem eigenen. Er hat sie sündigen gemacht, und ich nehme die Sünde auf mich. Er hatte die Wollust des Schmerzes, und ich habe die Qual des Henkers. Wer hat sich mehr verleugnet? Ich oder er? —

Und doch ist was von Narrheit in dem Gedanken. — Was sehen wir nur immer nach dem Einen? Wahrlich, des Menschen Sohn wird in uns Allen gekreuzigt, wir ringen Alle im Gethsemane-Garten im blutigen Schweiß, aber es erlöst Keiner den Andern mit seinen Wunden. Mein Camille! — Sie gehen Alle von mir — es ist Alles wüst und leer — ich bin allein.

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Spielhinweise

  • Robespierre ertappt sich selbst („Ist’s das eigentlich?“). Spiele die Selbstbeobachtung: Ein Mensch, der seinen eigenen Motiven nicht traut.
  • Der Mittelteil über Nacht und Traum ist lyrisch und leise. Er ist der Kern: „Die Sünde ist im Gedanken.“
  • Die Szene mit St. Just ist gestrichen und mit […] markiert. Der zweite Teil reagiert auf Camilles Spott („Blutmessias“), der dort vorgelesen wurde.
  • Der Schluss „ich bin allein“ ist die eigentliche Pointe: Wer alle opfert, bleibt übrig. Kein Selbstmitleid, eher Kälte.

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Vorsprech-Set

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