Mattis: Die Glocke

Monolog · Gegenwart · Gereimte Verse (Kreuzreim, nach Schillers „Glocke“)

Mattis: Gertrud, läut noch einmal heute.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 243 Wörter
Umfang
44 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
feierlichtragikomisch
Sprache
Gereimte Verse (Kreuzreim, nach Schillers „Glocke“)

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Inhalt
Seite

(Ein enger Glockenturm. Ein dickes Seil hängt von oben herab. Mattis, zweiunddreißig, in Arbeitshose und Sonntagshemd, hat das Seil in beiden Händen. Er sieht nach oben.)

  1. Fest gemauert in der Erden,
  2. und am Montag kommt der Kran.
  3. Gertrud, du sollst Ausstellung werden.
  4. Schau mich nicht so vorwurfsvoll an.
  1. Zweiundfünfzig wardst du gegossen,
  2. als im Dorf noch Trümmer lagen.
  3. Alle haben was beschlossen:
  4. Eine Glocke muss uns tragen.

(Er zieht. Ein tiefer Ton. Er wartet, bis er verklingt.)

  1. Du hast Hochzeiten geläutet,
  2. Kindtaufen und Totenfeiern,
  3. hast den Frühling angedeutet
  4. und das Ostern mit den Eiern.
  1. Du hast neunzig Jahr der Tante
  2. Lotte von der Post gesungen,
  3. und als einst die Scheune brannte,
  4. bist du wild und schief gesprungen.
  1. Einmal bist du nachts erklungen,
  2. ganz von selbst, um halber drei.
  3. Nur ein Marder war gesprungen,
  4. und das ganze Dorf war dabei.

(Er lacht kurz, zieht wieder. Ein zweiter Ton.)

  1. Doch die Bänke wurden leerer,
  2. nur noch zwölf am Heiligabend.
  3. Und das Dach wurd immer schwerer,
  4. und der Haushalt nicht mehr tragend.
  1. Jetzt kommt eine neue Sippe,
  2. aus der Stadt, mit Kind und Hund.
  3. Wo einst stand die Weihnachtskrippe,
  4. kocht man bald. Die Küche: rund.
  1. Wo die Kanzel war: das Sofa.
  2. Wo die Orgel stand: ein Bad.
  3. Und hier oben, wo du hingst, da
  4. schläft ein Feriengast. Wie schad.

(Er hält das Seil still. Leiser.)

  1. Und dann fragte mich die Kleine,
  2. acht vielleicht, mit Zopf und Mut,
  3. ob sie läuten darf. Alleine.
  4. Ja, hab ich gesagt. Ist gut.

(Er sieht nach unten, als stünde dort jemand.)

  1. Komm, du darfst. Halt fest. Jetzt ziehen.
  2. Nicht zu stark. Und lass sie los.
  3. Gertrud, das ist sie. Verziehen?
  4. Sie ist klein. Doch sie wird groß.
  1. Aus den Häusern kommen Leute,
  2. stehn im Garten, auf dem Steg.
  3. Gertrud, läut noch einmal heute.
  4. Dann bring ich dich selbst hinweg.

(Er zieht mit aller Kraft. Die Glocke schlägt laut. Er lässt das Seil langsam durch die Hände gleiten.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Der Text spielt mit Versmaß und Kreuzreim von Schillers „Lied von der Glocke“, das viele noch aus der Schule kennen. Den ersten Vers zitiert Mattis wörtlich, dann geht er eigene Wege. Sprich den Vierheber kräftig, aber nicht leiernd. Mehr zum Metrum.
  • Mattis zieht während des Textes am Glockenseil. Das Ziehen gibt den Rhythmus vor. Achte darauf, dass Atem und Zug zusammenpassen; der Vorgang ist körperlich anstrengend.
  • Die Komik liegt in den kleinen Dorfgeschichten, die Wehmut im letzten Abschnitt. Lass beides zu.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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