(Ein Klostergarten. Früher Morgen. Bruder Lorenzo mit einem Körbchen.)
- Der Morgen lächelt froh der Nacht ins Angesicht,
- Und säumet das Gewölk im Ost mit Streifen Licht.
- Die matte Finsternis flieht wankend, wie betrunken,
- Von Titans Pfad, besprüht von seiner Rosse Funken.
- Eh’ höher nun die Sonn’ ihr glühend Aug’ erhebt,
- Den Tau der Nacht verzehrt, und neu die Welt belebt,
- Muss ich dies Körbchen hier voll Kraut und Blumen lesen,
- Voll Pflanzen gift’ger Art, und diensam zum Genesen.
- Die Mutter der Natur, die Erd’, ist auch ihr Grab,
- Und was ihr Schoß gebar, sinkt tot in ihn hinab.
- Und Kinder mannigfalt, so all ihr Schoß empfangen,
- Sehn wir, gesäugt von ihr, an ihren Brüsten hangen;
- An vielen Tugenden sind viele drunter reich,
- Ganz ohne Wert nicht eins, doch keins dem andern gleich.
- O, große Kräfte sind’s, weiß man sie recht zu pflegen,
- Die Pflanzen, Kräuter, Stein’ in ihrem Innern hegen.
- Was nur auf Erden lebt, da ist auch nichts so schlecht,
- Dass es der Erde nicht besondern Nutzen brächt’.
- Doch ist auch nichts so gut, das, diesem Ziel entwendet,
- Abtrünnig seiner Art, sich nicht durch Missbrauch schändet.
- In Laster wandelt sich selbst Tugend, falsch geübt,
- Wie Ausführung auch wohl dem Laster Würde gibt.
- Die kleine Blume hier beherbergt gift’ge Säfte
- In ihrer zarten Hüll’, und milde Heilungskräfte:
- Sie labet den Geruch, und dadurch jeden Sinn;
- Gekostet, dringt sie gleich zum Herzen tötend hin.
- Zwei Feinde lagern so im menschlichen Gemüte
- Sich immerdar im Kampf: verderbter Will’ und Güte;
- Und wo das Schlecht’re herrscht mit siegender Gewalt,
- Dergleichen Pflanze frisst des Todes Wurm gar bald.
(Romeo tritt auf.)
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