Bruder Lorenzo: „Der Morgen lächelt froh“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Gereimte Langverse (Übersetzung Schlegel)

Bruder Lorenzo, ein Franziskanermönch: Der Morgen lächelt froh der Nacht ins Angesicht

aus Romeo und Julia (1597) von William Shakespeare · II. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Romeo und Julia, William Shakespeare (1597)ungekürzt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 255 Wörter
Umfang
30 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 40–80redaktionelle Einschätzung
Tonlage
heiterleise & nachdenklich
Sprache
Gereimte Langverse (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Ein Klostergarten. Früher Morgen. Bruder Lorenzo mit einem Körbchen.)

  1. Der Morgen lächelt froh der Nacht ins Angesicht,
  2. Und säumet das Gewölk im Ost mit Streifen Licht.
  3. Die matte Finsternis flieht wankend, wie betrunken,
  4. Von Titans Pfad, besprüht von seiner Rosse Funken.
  5. Eh’ höher nun die Sonn’ ihr glühend Aug’ erhebt,
  6. Den Tau der Nacht verzehrt, und neu die Welt belebt,
  7. Muss ich dies Körbchen hier voll Kraut und Blumen lesen,
  8. Voll Pflanzen gift’ger Art, und diensam zum Genesen.
  9. Die Mutter der Natur, die Erd’, ist auch ihr Grab,
  10. Und was ihr Schoß gebar, sinkt tot in ihn hinab.
  11. Und Kinder mannigfalt, so all ihr Schoß empfangen,
  12. Sehn wir, gesäugt von ihr, an ihren Brüsten hangen;
  13. An vielen Tugenden sind viele drunter reich,
  14. Ganz ohne Wert nicht eins, doch keins dem andern gleich.
  15. O, große Kräfte sind’s, weiß man sie recht zu pflegen,
  16. Die Pflanzen, Kräuter, Stein’ in ihrem Innern hegen.
  17. Was nur auf Erden lebt, da ist auch nichts so schlecht,
  18. Dass es der Erde nicht besondern Nutzen brächt’.
  19. Doch ist auch nichts so gut, das, diesem Ziel entwendet,
  20. Abtrünnig seiner Art, sich nicht durch Missbrauch schändet.
  21. In Laster wandelt sich selbst Tugend, falsch geübt,
  22. Wie Ausführung auch wohl dem Laster Würde gibt.
  23. Die kleine Blume hier beherbergt gift’ge Säfte
  24. In ihrer zarten Hüll’, und milde Heilungskräfte:
  25. Sie labet den Geruch, und dadurch jeden Sinn;
  26. Gekostet, dringt sie gleich zum Herzen tötend hin.
  27. Zwei Feinde lagern so im menschlichen Gemüte
  28. Sich immerdar im Kampf: verderbter Will’ und Güte;
  29. Und wo das Schlecht’re herrscht mit siegender Gewalt,
  30. Dergleichen Pflanze frisst des Todes Wurm gar bald.

(Romeo tritt auf.)

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Spielhinweise

  • Schlegel übersetzt Lorenzos Rede in gereimten Paaren langer Verse. Der Reim gibt der Rede etwas Ruhiges, Lehrhaftes. Sprich ihn deutlich, aber nicht leiernd.
  • Die kleine Blume ist die zentrale Requisite: Gift und Heilmittel in einem. Im Stück wird Lorenzos Kunst später den Schlaftrunk für Julia liefern.
  • Der Schluss über die „zwei Feinde“ im Menschen ist der Gedanke des ganzen Stücks: Liebe und Hass, Maß und Übermaß. Er spricht ihn, ohne zu ahnen, was kommt.
  • Ein seltener ruhiger Monolog für ältere Männer; gut geeignet, um Versklarheit und Atemführung zu zeigen.

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Vorsprech-Set

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