Julia: Der Schlaftrunk

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Schlegel)

Julia: Gott weiß, wann wir uns wiedersehn.

aus Romeo und Julia (1597) von William Shakespeare · IV. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Romeo und Julia, William Shakespeare (1597)ungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 328 Wörter
Umfang
46 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 14–26redaktionelle Einschätzung
Tonlage
angstvollleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Juliens Kammer. Julia allein, das Fläschchen in der Hand.)

  1. Lebt wohl! – Gott weiß, wann wir uns wiedersehn.
  2. Kalt rieselt matter Schau’r durch meine Adern,
  3. Der fast die Lebenswärm’ erstarren macht.
  4. Ich will zurück sie rufen mir zum Trost. –
  5. Amme! – Doch was soll sie hier? –
  6. Mein düstres Spiel muss ich allein vollenden.
  7. Komm du, mein Kelch! –
  8. Doch wie? Wenn dieser Trank nun gar nichts wirkte,
  9. Wird man dem Grafen mit Gewalt mich geben?
  10. Nein, nein! dies soll’s verwehren. – Lieg du hier. –

(Sie legt einen Dolch neben sich.)

  1. Wie? Wär’ es Gift, das mir mit schlauer Kunst
  2. Der Mönch bereitet, mir den Tod zu bringen,
  3. Auf dass ihn diese Heirat nicht entehre,
  4. Weil er zuvor mich Romeo’n vermählt?
  5. So, fürcht’ ich, ist’s; doch dünkt mich, kann’s nicht sein,
  6. Denn er ward stets ein frommer Mann erfunden.
  7. Ich will nicht Raum so bösem Argwohn geben. –
  8. Wie aber, wenn ich, in die Gruft gelegt,
  9. Erwache vor der Zeit, da Romeo
  10. Mich zu erlösen kommt? Furchtbarer Fall!
  11. Werd’ ich dann nicht in dem Gewölb ersticken,
  12. Dess’ gift’ger Mund nie reine Lüfte einhaucht,
  13. Und so erwürgt da liegen, wann er kommt?
  14. Und leb ich auch, könnt es nicht leicht geschehn,
  15. Dass mich das grause Bild von Tod und Nacht,
  16. Zusammen mit den Schrecken jenes Ortes,
  17. Dort im Gewölb, in alter Katakombe,
  18. Wo die Gebeine aller meiner Ahnen
  19. Seit vielen hundert Jahren aufgehäuft,
  20. Wo frisch beerdigt erst der blut’ge Tybalt
  21. Im Leichentuch verwest; wo, wie man sagt,
  22. In mitternächt’ger Stunde Geister hausen –
  23. Weh, weh! Könnt es nicht leicht geschehn, dass ich,
  24. Zu früh erwachend – und nun ekler Dunst,
  25. Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt,
  26. Das Sterbliche, die’s hören, sinnlos macht –
  27. O, wach’ ich auf, werd’ ich nicht rasend werden,
  28. Umringt von all den greuelvollen Schrecken,
  29. Und toll mit meiner Väter Glieder spielen?
  30. Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren?
  31. Und in der Wut, mit eines großen Ahnherrn
  32. Gebein, zerschlagen mein zerrüttet Hirn?
  33. O seht! Mich dünkt, ich sehe Tybalts Geist!
  34. Er späht nach Romeo, der seinen Leib
  35. Auf einen Degen spießte. – Weile, Tybalt! –
  36. Ich komme, Romeo! Dies trink’ ich dir!

(Sie wirft sich auf das Bett.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Der Monolog ist eine Reihe von Fragen, die immer schrecklicher werden. Jede Frage braucht einen neuen Anlauf; jede wird erst beantwortet, dann überwältigt sie die nächste.
  • Der Dolch, den sie neben sich legt, und das Fläschchen sind ihre Requisiten. Halte sie konkret in der Hand, auch wenn du nur so tust.
  • Die Gruft-Vision steigert sich bis zum Wahnbild („Mich dünkt, ich sehe Tybalts Geist!“). Danach kommt kein Nachdenken mehr, nur noch der Ruf an Romeo.
  • Schlegels Blankvers mit vielen Gedankenstrichen erlaubt Atem. Ein klassischer Vorsprechtext für junge Frauen.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top