Claudius: „O meine Tat ist faul“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers mit Schlussreim (Übersetzung Schlegel)

Claudius, König von Dänemark: O meine Tat ist faul, sie stinkt zum Himmel

aus Hamlet (1603) von William Shakespeare · III. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Hamlet, William Shakespeare (1603)eingerichtet
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 288 Wörter
Umfang
40 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 35–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
schuldbewussternst & dramatisch
Sprache
Blankvers mit Schlussreim (Übersetzung Schlegel)behutsam modernisiert
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(Ein Zimmer im Schlosse. Der König allein.)

  1. O meine Tat ist faul, sie stinkt zum Himmel,
  2. Sie trägt den ersten, ältesten der Flüche,
  3. Mord eines Bruders! – Beten kann ich nicht,
  4. Ist gleich die Neigung dringend wie der Wille:
  5. Die stärkre Schuld besiegt den starken Vorsatz,
  6. Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,
  7. Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,
  8. Und lasse beides. Wie? wär’ diese Hand
  9. Auch um und um in Bruderblut getaucht:
  10. Gibt es nicht Regen gnug im milden Himmel,
  11. Sie weiß wie Schnee zu waschen? Wozu dient
  12. Die Gnad’, als vor der Sünde Stirn zu treten?
  13. Und hat Gebet nicht die zwiefache Kraft
  14. Dem Falle vorzubeugen und Verzeihung
  15. Gefall’nen auszuwirken? Gut, ich will
  16. Emporschaun: mein Verbrechen ist geschehn.
  17. Doch o, welch eine Wendung des Gebets
  18. Ziemt meinem Fall? Vergib mir meinen schnöden Mord?
  19. Dies kann nicht sein; mir bleibt ja stets noch alles,
  20. Was mich zum Mord getrieben: meine Krone,
  21. Mein eigner Ehrgeiz, meine Königin.
  22. Wird da verziehn, wo Missetat besteht?
  23. In den verderbten Strömen dieser Welt
  24. Kann die vergold’te Hand der Missetat
  25. Das Recht wegstoßen, und ein schnöder Beutel
  26. Erkauft oft das Gesetz. Nicht so dort oben!
  27. Da gilt kein Kunstgriff, da erscheint die Handlung
  28. In ihrer wahren Art, und wir sind selbst
  29. Genötigt, unsern Fehlern in die Zähne
  30. Ein Zeugnis abzulegen. Nun? was bleibt?
  31. Sehn, was die Reue kann. Was kann sie nicht?
  32. Doch wenn man nicht bereuen kann, was kann sie?
  33. O Jammerstand? O Busen, schwarz wie Tod!
  34. O Seele, die sich frei zu machen ringend,
  35. Noch mehr verstrickt wird. – Engel, helft! versucht!
  36. Beugt euch, ihr starren Knie’! gestähltes Herz,
  37. Sei weich wie Sehnen neugeborner Kinder!
  38. Vielleicht wird alles gut. (Kniet vorn auf der Bühne nieder)

(Hamlet kommt von hinten mit gezogenem Schwert.)

[…]

  1. Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen:
  2. Wort’ ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen. (Ab)

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Spielhinweise

  • Claudius ist kein Bösewicht, der sich an seiner Tat freut. Er denkt genau und ehrlich nach und kommt zu einem Ergebnis, das ihn verurteilt.
  • Der innere Konflikt ist präzise: Reue ohne Verzicht gibt es nicht. Spiele das Argument Schritt für Schritt, mit wachsender Panik.
  • Hamlets Monolog hinter dem Rücken des betenden Königs ist gestrichen und mit […] markiert. Die Regieanweisung bleibt stehen: Das Publikum weiß, dass er in Lebensgefahr war.
  • Das Reimpaar am Schluss („Die Worte fliegen auf …“) ist die bittere Pointe: Er hat gebetet, aber nicht bereut.

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Vorsprech-Set

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