Hamlet: „O, welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich!“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers mit Schlussreim

Hamlet: O, welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich!

aus Hamlet (1603) von William Shakespeare · II. Aufzug, 2. Szene (Schluss)

Originaltext · Hamlet, William Shakespeare (1603)ungekürzt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 427 Wörter
Umfang
62 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
zornigleidenschaftlich
Sprache
Blankvers mit Schlussreimbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. O, welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich!
  2. Ist’s nicht erstaunlich, dass der Spieler hier
  3. Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum
  4. Der Leidenschaft, vermochte seine Seele
  5. Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen,
  6. Dass sein Gesicht von ihrer Regung blasste,
  7. Sein Auge nass, Bestürzung in den Mienen,
  8. Gebrochne Stimm’, und seine ganze Haltung
  9. Gefügt nach seinem Sinn. Und alles das um nichts!
  10. Um Hekuba!
  11. Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr,
  12. Dass er um sie soll weinen? Hätte er
  13. Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft
  14. Wie ich: was würd’ er tun. Die Bühn’ in Tränen
  15. Ertränken, und das allgemeine Ohr
  16. Mit grauser Red’ erschüttern; bis zum Wahnwitz
  17. Den Schuld’gen treiben, und den Freien schrecken.
  18. Unwissende verwirren, ja betäuben
  19. Die Fassungskraft des Auges und des Ohrs.
  20. Und ich,
  21. Ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche
  22. Wie Hans der Träumer, meiner Sache fremd,
  23. Und kann nichts sagen, nicht für einen König,
  24. An dessen Eigentum und teurem Leben
  25. Verdammter Raub geschah. Bin ich ’ne Memme?
  26. Wer nennt mich Schelm? bricht mir den Kopf entzwei?
  27. Rauft mir den Bart und wirft ihn mir ins Antlitz?
  28. Zwickt an der Nase mich? und straft mich Lügen
  29. Tief in den Hals hinein? Wer tut mir dies?
  30. Ha! nähm’ ich’s eben doch. – Es ist nicht anders:
  31. Ich hege Taubenmut, mir fehlt’s an Galle,
  32. Die bitter macht den Druck, sonst hätt’ ich längst
  33. Des Himmels Gei’r gemästet mit dem Aas
  34. Des Sklaven. Blut’ger, kupplerischer Bube! –
  35. Fühlloser, falscher, geiler, schnöder Bube! –
  36. Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich brav,
  37. Dass ich, der Sohn von einem teuren Vater,
  38. Der mir ermordet ward, von Höll’ und Himmel
  39. Zur Rache angespornt, mit Worten nur,
  40. Wie eine Hure, muss mein Herz entladen,
  41. Und mich aufs Fluchen legen, wie ein Weibsbild,
  42. Wie eine Küchenmagd!
  1. Pfui drüber! Frisch ans Werk, mein Kopf! Hum, hum
  2. Ich hab’ gehört, dass schuldige Geschöpfe,
  3. Bei einem Schauspiel sitzend, durch die Kunst
  4. Der Bühne so getroffen worden sind
  5. Im innersten Gemüt, dass sie sogleich
  6. Zu ihren Missetaten sich bekannt:
  7. Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht
  8. Mit wundervollen Stimmen. Sie sollen was
  9. Wie die Ermordung meines Vaters spielen
  10. Vor meinem Oheim: ich will seine Blicke
  11. Beachten, will ihn bis ins Leben prüfen:
  12. Stutzt er, so weiß ich meinen Weg. Der Geist,
  13. Den ich gesehen, kann ein Teufel sein;
  14. Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden
  15. In lockende Gestalt; ja und vielleicht,
  16. Bei meiner Schwachheit und Melancholie,
  17. (Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern)
  18. Täuscht er mich zum Verderben. Ich will Grund,
  19. Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge,
  20. In die den König sein Gewissen bringe.

(Ab.)

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Spielhinweise

  • Der Auslöser ist konkret: Ein Schauspieler hat eben vor Hamlets Augen echte Tränen um eine Figur geweint. Beginne mit diesem Bild, nicht mit allgemeinem Selbstmitleid.
  • Schlegel übersetzt im Blankvers. Die kurzen Zeilen („Um Hekuba!“, „Und ich,“, „Wie eine Küchenmagd!“) sind Halbverse. Sie lassen Raum für eine Pause oder einen neuen Anlauf.
  • Die Beschimpfungen von Claudius steigern sich, bis Hamlet sich selbst dabei ertappt. „Ha, welch ein Esel bin ich!“ ist der Wendepunkt: Er merkt, dass er wieder nur redet.
  • Nach „Pfui drüber!“ denkt Hamlet klar und schnell. Der zweite Teil ist Planung, kein Ausklang. Das Reimpaar am Schluss („Schlinge“ – „bringe“) schließt die Szene ab.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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