Der Kapuziner: „Heisa, juchheia! Dudeldumdei!“

Monolog · Weimarer Klassik · Knittelvers mit Paarreim

Der Kapuziner: Heisa, juchheia! Dudeldumdei!

aus Wallensteins Lager (1798) von Friedrich Schiller · 8. Auftritt (Kapuzinerpredigt)

Originaltext · Wallensteins Lager, Friedrich Schiller (1798)eingerichtet
Dauer
ca. 7 Mingeschätzt, 730 Wörter
Umfang
118 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 30–75redaktionelle Einschätzung
Tonlage
polterndkomisch
Sprache
Knittelvers mit Paarreimbehutsam modernisiert
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(Bergknappen treten auf und spielen einen Walzer, erst langsam und dann immer geschwinder. Der erste Jäger tanzt mit der Aufwärterin, die Marketenderin mit dem Rekruten; das Mädchen entspringt, der Jäger hinter ihr her und bekommt den Kapuziner zu fassen, der eben hereintritt.)

  1. Heisa, juchheia! Dudeldumdei!
  2. Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
  3. Ist das eine Armee von Christen?
  4. Sind wir Türken? sind wir Antibaptisten?
  5. Treibt man so mit dem Sonntag Spott,
  6. Als hätte der allmächtige Gott
  7. Das Chiragra, könnte nicht dreinschlagen?
  8. Ists jetzt Zeit zu Saufgelagen?
  9. Zu Banketten und Feiertagen?
  1. Quid hic statis otiosi?
  2. Was steht ihr und legt die Hände in Schoß?
  3. Die Kriegsfuri ist an der Donau los,
  4. Das Bollwerk des Bayerlands ist gefallen,
  5. Regenspurg ist in des Feindes Krallen,
  6. Und die Armee liegt hier in Böhmen,
  7. Pflegt den Bauch, lässt sichs wenig grämen,
  8. Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
  9. Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,
  10. Hetzt sich lieber herum mit der Dirn,
  11. Frisst den Ochsen lieber als den Oxenstirn.
  1. Die Christenheit trauert in Sack und Asche,
  2. Der Soldat füllt sich nur die Tasche.
  3. Es ist eine Zeit der Tränen und Not,
  4. Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder,
  5. Und aus den Wolken, blutigrot,
  6. Hängt der Herrgott den Kriegsmantel runter.
  7. Den Kometen steckt er wie eine Rute
  8. Drohend am Himmelsfenster aus,
  9. Die ganze Welt ist ein Klagehaus,
  10. Die Arche der Kirche schwimmt in Blute,
  11. Und das römische Reich – dass Gott erbarm!
  12. Sollte jetzt heißen römisch Arm,
  13. Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom,
  14. Die Klöster sind ausgenommene Nester,
  15. Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer,
  16. Die Abteien und die Stifter
  17. Sind nun Raubteien und Diebesklüfter,
  18. Und alle die gesegneten deutschen Länder
  19. Sind verkehrt worden in Elender –
  1. Woher kommt das? das will ich euch verkünden,
  2. Das schreibt sich her von euern Lastern und Sünden,
  3. Von dem Greuel und Heidenleben,
  4. Dem sich Offizier und Soldaten ergeben.
  5. Denn die Sünd ist der Magnetenstein,
  6. Der das Eisen ziehet ins Land herein.
  7. Auf das Unrecht, da folgt das Übel,
  8. Wie die Trän auf den herben Zwiebel,
  9. Hinter dem U kömmt gleich das Weh,
  10. Das ist die Ordnung im ABC.
  11. Ubi erit victoriae spes,
  12. Si offenditur Deus? Wie soll man siegen,
  13. Wenn man die Predigt schwänzt und die Mess,
  14. Nichts tut als in den Weinhäusern liegen?
  1. Die Frau in dem Evangelium
  2. Fand den verlornen Groschen wieder,
  3. Der Saul seines Vaters Esel wieder,
  4. Der Joseph seine saubern Brüder;
  5. Aber wer bei den Soldaten sucht
  6. Die Furcht Gottes und die gute Zucht
  7. Und die Scham, der wird nicht viel finden,
  8. Tät er auch hundert Laternen anzünden,
  9. Zu dem Prediger in der Wüsten,
  10. Wie wir lesen im Evangelisten,
  11. Kamen auch die Soldaten gelaufen,
  12. Taten Buß und ließen sich taufen,
  13. Fragten ihn: Quid faciemus nos?
  14. Wie machen wirs, dass wir kommen in Abrahams Schoß?
  15. Et ait illis. Und er sagt:
  16. Neminem concutiatis,
  17. Wenn ihr niemanden schindet und plackt.
  18. Neque calumniam faciatis,
  19. Niemand verlästert, auf niemand lügt.
  20. Contenti estote, euch begnügt,
  21. Stipendiis vestris, mit eurer Löhnung
  22. Und verflucht jede böse Angewöhnung.
  1. Es ist ein Gebot: Du sollst den Namen
  2. Deines Herrgotts nicht eitel auskramen,
  3. Und wo hört man mehr blasphemieren
  4. Als hier in den Friedländischen Kriegsquartieren?
  5. Wenn man für jeden Donner und Blitz,
  6. Den ihr losbrennt mit eurer Zungenspitz,
  7. Die Glocken müsst läuten im Land umher,
  8. Es wär bald kein Messner zu finden mehr.
  9. Und wenn euch für jedes böse Gebet,
  10. Das aus eurem ungewaschnen Munde geht,
  11. Ein Härlein ausging aus eurem Schopf,
  12. Über Nacht wär er geschoren glatt,
  13. Und wär er so dick wie Absalons Zopf.
  1. Der Josua war doch auch ein Soldat,
  2. König David erschlug den Goliath,
  3. Und wo steht denn geschrieben zu lesen,
  4. Dass sie solche Fluchmäuler sind gewesen?
  5. Muss man den Mund doch, ich sollte meinen,
  6. Nicht weiter aufmachen zu einem Helf Gott!
  7. Als zu einem Kreuz Sackerlot!
  8. Aber wessen das Gefäß ist gefüllt,
  9. Davon es sprudelt und überquillt.
  1. Wieder ein Gebot ist: Du sollst nicht stehlen.
  2. Ja, das befolgt ihr nach dem Wort,
  3. Denn ihr tragt alles offen fort,
  4. Vor euren Klauen und Geiersgriffen,
  5. Vor euren Praktiken und bösen Kniffen
  6. Ist das Geld nicht geborgen in der Truh,
  7. Das Kalb nicht sicher in der Kuh,
  8. Ihr nehmt das Ei und das Huhn dazu.
  9. Was sagt der Prediger? Contenti estote,
  10. Begnügt euch mit eurem Kommissbrote.
  1. Aber wie soll man die Knechte loben,
  2. Kömmt doch das Ärgernis von oben!
  3. Wie die Glieder, so auch das Haupt!
  4. Weiß doch niemand, an wen der glaubt!

[…]

(Schreit lauter.)

  1. So ein hochmütiger Nebukadnezer,
  2. So ein Sündenvater und muffiger Ketzer,
  3. Lässt sich nennen den Wallenstein,
  4. Ja freilich ist er uns allen ein Stein
  5. Des Anstoßes und Ärgernisses,
  6. Und so lang der Kaiser diesen Friedeland
  7. Lässt walten, so wird nicht Fried im Land.

(Er hat nach und nach bei den letzten Worten, die er mit erhobener Stimme spricht, seinen Rückzug genommen, indem die Kroaten die übrigen Soldaten von ihm abwehren.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Schiller schreibt Knittelverse: vier Hebungen, Paarreim, freie Senkungen. Das Versmaß treibt; der Prediger ist schneller als jeder Zwischenruf.
  • Die Wortspiele („Rheinstrom“ – „Peinstrom“, „Klöster“ – „Nester“) sind gesperrt gedruckt und erscheinen hier kursiv. Setze sie wie Pointen, aber ohne Pause nach jeder.
  • Die lateinischen Bibelstellen übersetzt der Kapuziner jeweils selbst. Sprich das Latein sicher und kanzelhaft, die Übersetzung volkstümlich.
  • Die Zwischenrufe der Soldaten sind gestrichen und mit […] markiert. Im Schlussteil greift er Wallenstein an und muss sich zurückziehen. Für ein Vorsprechen genügt der erste Teil bis „… in den Weinhäusern liegen?“

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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