Satin: „Der Mensch ist die Wahrheit!“

Monolog · Naturalismus · Prosa (Übersetzung August Scholz)

Satin: Der Mensch — ist die Wahrheit!

aus Nachtasyl (1902) von Maxim Gorki · IV. Akt (Ausschnitt)

Originaltext · Nachtasyl, Maxim Gorki (1902)Ausschnitt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 268 Wörter
Umfang
268 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 30–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
angetrunkenleidenschaftlich
Sprache
Prosa (Übersetzung August Scholz)behutsam modernisiert
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(Nacht im Nachtasyl. Am Tisch sitzen Satin, der Baron und andere Bewohner bei Branntwein und Bier; in einer Ecke betet ein Tatar. Der Baron hat eben zu Satin gesagt: „Du bist immer weichherzig, wenn du angeheitert bist … Und so verständig bist du dann …“)

Wenn ich angeheitert bin … gefällt mir alles. Hm — ja … Er betet? Sehr schön von ihm! Der Mensch kann glauben oder nicht glauben … das ist seine Sache! Der Mensch — ist frei … er hat selbst für alles aufzukommen: für seinen Glauben, seinen Unglauben, seine Liebe, seine Vernunft. Der Mensch trägt selbst die Kosten für alles, und darum ist er — frei! … Der Mensch — ist die Wahrheit! Was heißt überhaupt „Mensch“? Das bist nicht du, und nicht ich bin’s, und nicht sie sind es … nein! Sondern du, ich, sie, der alte Luka, Napoleon, Muhamed … alle miteinander sind es! (Zeichnet in der Luft die Umrisse einer menschlichen Gestalt.) Verstanden! Das ist — etwas ganz Großes! Das ist etwas, worin alle Anfänge stecken und alle Enden … Alles im Menschen, alles für den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles Übrige — ist das Werk seiner Hände und seines Gehirns! Der M—ensch! Einfach großartig! So erhaben klingt das! M—men—nsch! Man soll den Menschen respektieren! Nicht bemitleiden … nicht durch Mitleid erniedrigen soll man ihn … sondern respektieren! Trinken wir auf das Wohl des Menschen, Baron! Wie schön ist’s doch — sich als Mensch zu fühlen! Ich … bin ein ehemaliger Sträfling, ein Totschläger, ein Falschspieler … na ja! Wenn ich auf der Straße gehe, gucken die Leute mich an, als wär’ ich der ärgste Spitzbube … sie gehen mir aus dem Wege, sie starren hinter mir her … und öfters sagen sie zu mir: Halunke! Windbeutel! Warum arbeitest du nicht? … Arbeiten? Wozu? Um satt zu werden? (Lacht laut auf.) Ich habe die Menschen immer verachtet, die um das Sattwerden gar zu besorgt sind. Nicht darauf kommt’s an, Baron! Nicht darauf! Der Mensch ist die Hauptsache! Der Mensch steht höher als der satte Magen!

(Erhebt sich von seinem Platze.)

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Spielhinweise

  • Satin ist angetrunken, aber nicht betrunken. Der Alkohol macht ihn offen, nicht unscharf.
  • Das zerlegte Wort „M—men—nsch!“ ist ein Spiel mit dem Klang. Koste jede Silbe aus, bevor die Bedeutung kommt.
  • Die Gedanken sind groß, die Lage ist elend. Spiel nicht den Prediger, sondern einen Mann im Elend, der eine eigene Haltung findet.
  • Mit „Ich … bin ein ehemaliger Sträfling“ wird es persönlich. Hier darf der Ton kippen, bevor das Lachen kommt.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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