Oedipus: „O ihr drei Wege!“

Monolog · Antike · Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)

Oedipus: Io! Kithäron! warum nahmest du mich auf?

aus Oedipus der Tyrann von Sophokles · Hölderlins Übertragung „Oedipus der Tyrann“, Schluss (Ausschnitt)

Originaltext · Oedipus der Tyrann, SophoklesAusschnitt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 355 Wörter
Umfang
49 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 35–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verzweifelternst & dramatisch
Sprache
Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)behutsam modernisiert
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(Vor dem Königshaus in Theben. Oedipus hat erfahren, dass er seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat. Jokasta hat sich erhängt, Oedipus hat sich mit ihren Spangen die Augen ausgestochen. Der Chor sagt ihm, besser wäre er tot als blind.)

  1. Da dieses nun zum besten nicht getan ist,
  2. So unterweise nicht und rate mir nichts an.
  3. Ich wusste nämlich nicht, mit welchen Augen ich
  4. Den Vater angesehn, zum Hades wandelnd,
  5. Und auch die arme Mutter. Welchen beiden
  6. Ich Mühn vollbracht, die größer sind, als Qualen.
  7. Da war der Kinder Angesicht, wuchs täglich auf,
  8. So wie aufwuchsen, anzuschauen mir
  9. Nun nimmermehr! und meinen alten Augen
  10. Nicht Stadt und Turm, die Bilder nicht der Geister,
  11. Die heiligen, worum ich ärmlichster,
  12. So gut, ein einziger Mann, gehalten und in Thebe,
  13. Ich selber mich gebracht. Denn selber sagt’ ich,
  14. Dass alle hassen ihn, den götterlosen,
  15. Der als Unheiliger geoffenbaret
  16. Durch Götter sei und das Geschlecht des Lajos.
  17. Da meinen Schimpf ich also kundgetan,
  18. Sollt’ ich mit graden Augen diese sehn?
  19. Mitnichten. Sondern wäre für den Quell,
  20. Der in dem Ohre tönt, ein Schloss, ich hielt es nicht,
  21. Ich schlösse meinen müheselgen Leib,
  22. Dass blind ich wär’ und taub. Denn süß ist es,
  23. Wo der Gedanke wohnt, entfernt von Übeln.
  24. Io! Kithäron! warum nahmest du mich auf?
  25. Und tötetest empfangend mich nicht gleich,
  26. Damit ich Menschen nie verräte, wer ich wäre?
  27. O Polybos und Korinth, ihr väterlichen,
  28. Ihr altgerühmten Häuser, wie so schön
  29. Erzogt ihr mich, vor Übeln wohlverborgen?
  30. Jetzt werd’ ich schlecht, der Schlechten Sohn gefunden.
  31. O ihr drei Wege! du verborgner Hain,
  32. Du Wald und Winkel auf dem Dreiweg, wo
  33. Von meinen Händen ihr mein Blut, des Vaters Blut,
  34. Getrunken, denkt ihr mein? was ich für Werke
  35. Getan bei euch und dann, als ich hieher kam,
  36. Was ich dann wieder tat? o Ehe, Ehe!
  37. Du pflanztest mich. Und da du mich gepflanzt,
  38. So sandtest du denselben Samen aus,
  39. Und zeigtest Väter, Brüder, Kinder, ein
  40. Verwandtes Blut, und Jungfraun, Weiber, Mütter,
  41. Und was nur schändlichstes entstehet unter Menschen!
  42. Doch niemals sagt man, was zu tun nicht schön ist.
  43. So schnell, als möglich, bei den Göttern, begrabt
  44. Mich draußen irgend, tötet oder werft
  45. Ins Meer mich, wo ihr nimmermehr mich seht.
  46. Geht! haltet es der Mühe wert, den Mann,
  47. Mühselig, anzurühren. Folget mir!
  48. Habt keine Furcht! So nämlich ist mein Übel,
  49. Dass vor mir nie kein Mensch es tragen mochte.

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Spielhinweise

  • Hölderlin übersetzt nah am griechischen Satzbau. Kläre jeden Satz für dich, bevor du ihn sprichst; die fremde Wortstellung trägt dann.
  • Oedipus ist blind. Er sieht die Orte, die er anruft, nur noch innerlich: Kithäron, Korinth, die Wegkreuzung.
  • Die Rede steht am Ende der Tragödie nach der Anagnorisis. Sie braucht keine Steigerung mehr, nur Klarheit.
  • Mit „Geht! haltet es der Mühe wert“ wendet er sich an die Menschen. Der Schluss ist eine Bitte, keine Klage.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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