Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich“

Monolog · Romantik · Blankvers

Penthesilea: Küsse, Bisse, / Das reimt sich

aus Penthesilea (1808) von Heinrich von Kleist · 24. Auftritt (Schluss, Monologfassung)

Originaltext · Penthesilea, Heinrich von Kleist (1808)eingerichtet
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 332 Wörter
Umfang
47 Verseeingerichtet
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 20–38redaktionelle Einschätzung
Tonlage
entrücktleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Penthesilea vor der Leiche des Achill, die mit einem roten Teppich bedeckt ist.)

  1. – So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
  2. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
  3. Kann schon das eine für das andre greifen.

[…]

  1. Lasst, lasst!

(Sie wickelt sich los, und lässt sich auf Knien vor der Leiche nieder.)

  1. Du Ärmster aller Menschen, du vergibst mir!
  2. Ich habe mich, bei Diana, bloß versprochen,
  3. Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin;
  4. Doch jetzt sag ich dir deutlich, wie ich’s meinte:
  5. Dies, du Geliebter, war’s, und weiter nichts.

(Sie küsst ihn.)

[…]

  1. Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
  2. Sagt wohl das Wort: sie lieb ihn, o so sehr,
  3. Dass sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
  4. Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
  5. Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon.
  6. Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht.
  7. Sieh her: als ich an deinem Halse hing,
  8. Hab ich’s wahrhaftig Wort für Wort getan;
  9. Ich war nicht so verrückt, als es wohl schien.

[…]

  1. Euch nicht! – –
  2. Geht ihr nach Themiscyra, und seid glücklich,
  3. Wenn ihr es könnt –
  4. Vor allen meine Prothoe –
  5. Ihr alle –
  6. Und – – – im Vertraun ein Wort, das niemand höre,
  7. Der Tanaïs Asche, streut sie in die Luft!

[…]

  1. – Ich will dir sagen, Prothoe,
  2. Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los,
  3. Und folge diesem Jüngling hier.

[…]

  1. Nun denn, und was? – – Was suchst du mir am Gurt?
  2. – Ja, so. Wart, gleich! Verstand ich dich doch nicht.
  3. – – Hier ist der Dolch.

(Sie löst sich den Dolch aus dem Gurt, und gibt ihn der Prothoe.)

  1. Willst du die Pfeile auch?

(Sie nimmt den Köcher von der Schulter.)

  1. Hier schütt ich ihren ganzen Köcher aus!

(Sie schüttet die Pfeile vor sich nieder.)

  1. Zwar reizend wär’s von einer Seite –

(Sie hebt einige davon wieder auf.)

  1. Denn dieser hier – nicht? Oder war es dieser –?
  2. Ja, der! Ganz recht – Gleichviel! Da! Nimm sie hin!
  3. Nimm alle die Geschosse zu dir hin!

(Sie rafft den ganzen Bündel wieder auf, und gibt ihn der Prothoe in die Hände.)

[…]

  1. Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
  2. Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
  3. Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
  4. Dies Erz, dies läutr ich in der Glut des Jammers
  5. Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann,
  6. Heißätzendem, der Reue, durch und durch;
  7. Trag es der Hoffnung ew’gem Amboss zu,
  8. Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
  9. Und diesem Dolch jetzt reich ich meine Brust:
  10. So! So! So! So! Und wieder! – Nun ist’s gut.

(Sie fällt und stirbt.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Kleists Verse sind voller Gedankenstriche und abgebrochener Sätze. Das ist kein Stocken aus Schwäche, sondern ein Bewusstsein, das sich erst zusammensetzt.
  • Die Ungeheuerlichkeit liegt in der Ruhe: Penthesilea erklärt ihre Tat fast sachlich. Spiele keinen Wahnsinn, sondern eine erschreckende Klarheit.
  • Die Einwürfe der Frauen sind gestrichen und mit […] markiert. Die Regieanweisungen (Pfeile, Köcher, Dolch) sind eine genaue Handlungsfolge; probe sie mit einfachen Mitteln.
  • Der Schluss: Sie tötet sich ohne Waffe, nur durch ein „vernichtendes Gefühl“. Das Bild vom Schmieden des Dolchs ist die eigentliche Spielhandlung.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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