Okan: Der Kiosk

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Okan: Ein Kiosk ist ein Fenster.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 477 Wörter
Umfang
477 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 30–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
herzlichtragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Ein kleiner Kiosk, kurz vor zehn Uhr abends. Die Regale sind halb leer. Auf dem Tresen stehen Kartons. Okan, dreiunddreißig, steht hinter dem Tresen. Vor ihm stehen ein paar Leute aus der Nachbarschaft. Er klopft mit einem Feuerzeug an eine Flasche.)

Ruhe. Ruhe bitte. Frau Wieczorek, Sie auch. Ich weiß, Sie hören schlecht, wenn Sie nicht wollen.

Also. Danke, dass ihr da seid. Morgen um sechs kommen die Handwerker, und in drei Wochen ist hier eine Filiale. Mit Selbstbedienungskasse und Kaffee aus dem Automaten, der vier Euro kostet und nach Pappe schmeckt. Ich hab ihn probiert. Ich lüg nicht.

Mein Vater hat den Kiosk 1994 aufgemacht. Ich stand hier mit neun das erste Mal hinter dem Tresen, auf einer Bierkiste, damit ich übers Glas gucken konnte. Ich hab hier rechnen gelernt. Wechselgeld ist die beste Mathenachhilfe der Welt. Wenn du um sechs Uhr morgens jemandem von der Baustelle falsch rausgibst, lernst du schnell.

(Er klopft auf einen Karton.) Und alles, was noch da ist, wird heute nicht verkauft. Verschenkt. Aber nicht einfach so. Jeder kriegt, was passt. Das hab ich mir überlegt. Drei Nächte lang.

(Er nimmt eine Stange Zigaretten heraus.) Herr Schäfer. Ihre Marke. Die letzte Stange. Sie haben dreimal gesagt, Sie hören auf. 2009, 2015 und nach Ihrer Hüfte. Ich hab Ihnen jedes Mal geglaubt und trotzdem nachbestellt. (Er legt sie zurück.) Nein. Wissen Sie was, die kriegen Sie nicht. Sie kriegen das hier. (Er gibt ihm eine Tüte Lakritz.) Zum Kauen. Für die Hüfte.

(Er nimmt eine Zeitung vom Stapel.) Frau Wieczorek. Die letzte Zeitung. Sie haben vierzehn Jahre lang jeden Morgen die Zeitung bei mir gekauft und sie nie gelesen. Ich weiß das. Sie haben sie gekauft, damit Sie einen Grund hatten, herzukommen und zu erzählen, was Ihr Enkel in Kanada macht. (Er gibt ihr die Zeitung.) Die ist umsonst. Und ab morgen rufen Sie mich an. Ich will auch wissen, was in Kanada passiert.

Mehmet. (Er hält einen Stapel Stickertüten hoch.) Fußballsticker. Die letzten zwölf Tüten. Du hast als Kind jeden Samstag dein Taschengeld hier gelassen und mir erzählt, dass du später Profi wirst. Jetzt fährst du Bus, die Linie vorne an der Ecke, und jedes Mal, wenn du vorbeikommst, hupst du zweimal. Das hab ich jeden Tag gehört. (Er gibt ihm die Tüten.) Für deine Tochter. Damit das weitergeht.

(Er holt eine kleine Dose unter dem Tresen hervor.) Lina. Du warst vierzehn, als du nachts um zwei hier geklingelt hast. Ich war zufällig noch da, wegen der Inventur. Du hattest kein Geld und keinen Schlüssel und hast nicht gesagt, warum. Ich hab dir einen Kakao gemacht und deine Mutter angerufen. Danach hast du fünf Jahre lang jeden Dienstag hier geholfen, und ich hab dich nie bezahlt, weil du gesagt hast, das ist Abzahlen. (Er gibt ihr die Dose.) Kakaopulver. Die letzte. Wir sind quitt. Wir waren immer quitt.

(Pause. Er sieht sich um.) So. Was noch übrig ist: zwei Kisten Wasser, ein Karton Kaugummi und das Schild. (Er zeigt nach draußen.) „Okans Kiosk“. Das Schild nehm ich mit. Das hängt bei mir zu Hause im Flur. Meine Frau sagt, das passt nicht zur Tapete. Ich hab gesagt, dann passt die Tapete nicht.

(Leiser.) Mein Vater hat immer gesagt, ein Kiosk ist kein Laden. Ein Kiosk ist ein Fenster. Die Leute kommen nicht wegen der Zigaretten. Sie kommen, weil das Fenster offen ist. (Pause.) Morgen ist das Fenster zu. Aber ich weiß jetzt, wo ihr alle wohnt.

(Er öffnet eine Flasche Wasser und hebt sie.) Auf das Fenster. Und auf die Filiale. Möge ihr Kaffee immer nach Pappe schmecken.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Okan spricht zu mehreren Menschen und wendet sich nacheinander an einzelne. Gib jeder Person einen festen Platz im Raum. Die wechselnden Adressaten gliedern den Text in klare Beats.
  • Die Gegenstände sind kleine Geschenke mit Geschichte. Behandle jede Requisite so, als wüsstest du genau, wem sie gehört.
  • Okan hält die Stimmung absichtlich leicht. Die Trauer liegt darunter und kommt nur einmal kurz durch, beim Satz über das Fenster.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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