(Ein Gemeindesaal am Nachmittag. Zwölf Stühle im Halbkreis, alle leer. Ein kleiner Lautsprecher auf einem Tisch, daneben eine Kanne Tee und zwölf Tassen. Lu, siebzig, in weicher Hose und Schläppchen, steht in der Mitte und sieht auf die Uhr.)
Fünf nach drei. (Pause.) Das Plakat hing beim Bäcker. Und in der Apotheke. Und beim Hausarzt am Schwarzen Brett. „Tanzen ab sechzig. Keine Vorkenntnisse nötig. Bequeme Schuhe.“ Ich hab das Wort „bequem“ unterstrichen. Zweimal.
Zehn nach drei. Vielleicht ist der Bus zu spät. Der Bus ist immer zu spät, wenn Markt ist. (Lu geht zur Tür, sieht hinaus und kommt zurück.) Heute ist kein Markt.
Ich hab zweiundvierzig Jahre getanzt. Am Theater. Erst im Ballett, als ich jung war und meine Knie noch nicht wussten, was ich mit ihnen vorhabe. Dann im Tanztheater. Ich hab einen Schwan getanzt und eine Mutter und einmal einen Stuhl. Einen Stuhl, eine ganze Spielzeit lang. Die Leute haben gelacht, und dann haben sie geweint. Der Stuhl wurde nämlich am Ende verbrannt.
(Lu setzt sich auf einen der leeren Stühle.) Dann war ich zu alt. Das geht schnell beim Tanzen. Am Theater ist man mit fünfzig alt und mit sechzig vergessen. Ich hab dann Kinder unterrichtet. Kinder sind ehrlich. Wenn es langweilig ist, legen sie sich auf den Boden. Erwachsene bleiben stehen und sterben innerlich.
Und jetzt hab ich gedacht: Die Leute in meinem Alter, die sitzen alle zu Hause. Die haben Angst vor dem Hinfallen, vor dem Spiegel, vor der Musik von früher. Die, hab ich gedacht, hol ich da raus. Wir machen nichts Schweres. Wir gehen. Wir schwingen die Arme. Wir atmen. Und irgendwann merken wir, dass wir noch einen Körper haben, der nicht nur wehtut.
(Pause. Lu sieht auf die leeren Stühle.) Vielleicht hab ich zu viel versprochen. Vielleicht hätte ich nicht „Tanzen“ schreiben sollen. Vielleicht hätte ich „Kaffee“ schreiben sollen. Für Kaffee kommen alle.
Viertel nach drei. (Lu steht auf.) Gut. Dann eben so.
(Lu geht zum Lautsprecher und drückt einen Knopf. Ein alter Walzer setzt ein, leise.) Das ist Musik von früher. Damit kriegt man jeden. Fast jeden.
(Lu beginnt zu tanzen, langsam, die Arme weit, mit dem leeren Raum als Gegenüber.) Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Seht ihr? Gar nicht schwer. Man muss nur den Boden ernst nehmen. Der Boden ist der wichtigste Partner. Der lässt einen nie fallen. Höchstens, wenn man ihn nicht beachtet.
(Lu dreht sich und hält inne. In der Tür steht jemand.) Oh. (Pause.) Hallo. Kommen Sie rein. Nein, Sie sind nicht zu spät. Sie sind genau richtig. (Lu streckt die Hand aus.) Bequeme Schuhe? Sehr gut. Mehr braucht man nicht.
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