(Ein enger Glockenturm. Ein dickes Seil hängt von oben herab. Mattis, zweiunddreißig, in Arbeitshose und Sonntagshemd, hat das Seil in beiden Händen. Er sieht nach oben.)
- Fest gemauert in der Erden,
- und am Montag kommt der Kran.
- Gertrud, du sollst Ausstellung werden.
- Schau mich nicht so vorwurfsvoll an.
- Zweiundfünfzig wardst du gegossen,
- als im Dorf noch Trümmer lagen.
- Alle haben was beschlossen:
- Eine Glocke muss uns tragen.
(Er zieht. Ein tiefer Ton. Er wartet, bis er verklingt.)
- Du hast Hochzeiten geläutet,
- Kindtaufen und Totenfeiern,
- hast den Frühling angedeutet
- und das Ostern mit den Eiern.
- Du hast neunzig Jahr der Tante
- Lotte von der Post gesungen,
- und als einst die Scheune brannte,
- bist du wild und schief gesprungen.
- Einmal bist du nachts erklungen,
- ganz von selbst, um halber drei.
- Nur ein Marder war gesprungen,
- und das ganze Dorf war dabei.
(Er lacht kurz, zieht wieder. Ein zweiter Ton.)
- Doch die Bänke wurden leerer,
- nur noch zwölf am Heiligabend.
- Und das Dach wurd immer schwerer,
- und der Haushalt nicht mehr tragend.
- Jetzt kommt eine neue Sippe,
- aus der Stadt, mit Kind und Hund.
- Wo einst stand die Weihnachtskrippe,
- kocht man bald. Die Küche: rund.
- Wo die Kanzel war: das Sofa.
- Wo die Orgel stand: ein Bad.
- Und hier oben, wo du hingst, da
- schläft ein Feriengast. Wie schad.
(Er hält das Seil still. Leiser.)
- Und dann fragte mich die Kleine,
- acht vielleicht, mit Zopf und Mut,
- ob sie läuten darf. Alleine.
- Ja, hab ich gesagt. Ist gut.
(Er sieht nach unten, als stünde dort jemand.)
- Komm, du darfst. Halt fest. Jetzt ziehen.
- Nicht zu stark. Und lass sie los.
- Gertrud, das ist sie. Verziehen?
- Sie ist klein. Doch sie wird groß.
- Aus den Häusern kommen Leute,
- stehn im Garten, auf dem Steg.
- Gertrud, läut noch einmal heute.
- Dann bring ich dich selbst hinweg.
(Er zieht mit aller Kraft. Die Glocke schlägt laut. Er lässt das Seil langsam durch die Hände gleiten.)
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Ende des Textes

