Johanna: „Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften“

Monolog · Weimarer Klassik · Gereimte Stanzen

Johanna: Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften

aus Die Jungfrau von Orleans (1801) von Friedrich Schiller · Prolog, 4. Auftritt

Originaltext · Die Jungfrau von Orleans, Friedrich Schiller (1801)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 337 Wörter
Umfang
50 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 15–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
wehmütigleidenschaftlich
Sprache
Gereimte Stanzenbehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Johanna allein.)

  1. Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften,
  2. Ihr traulich stillen Täler lebet wohl!
  3. Johanna wird nun nicht mehr auf euch wandeln,
  4. Johanna sagt euch ewig Lebewohl.
  1. Ihr Wiesen, die ich wässerte! Ihr Bäume,
  2. Die ich gepflanzet, grünet fröhlich fort!
  3. Lebt wohl, ihr Grotten und ihr kühlen Brunnen!
  4. Du Echo, holde Stimme dieses Tals,
  5. Die oft mir Antwort gab auf meine Lieder,
  6. Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder!
  1. Ihr Plätze alle meiner stillen Freuden,
  2. Euch lass ich hinter mir auf immerdar!
  3. Zerstreuet euch, ihr Lämmer auf der Heiden,
  4. Ihr seid jetzt eine hirtenlose Schar,
  5. Denn eine andre Herde muss ich weiden,
  6. Dort auf dem blutgen Felde der Gefahr,
  7. So ist des Geistes Ruf an mich ergangen,
  8. Mich treibt nicht eitles, irdisches Verlangen.
  1. Denn der zu Mosen auf des Horebs Höhen
  2. Im feurgen Busch sich flammend niederließ,
  3. Und ihm befahl, vor Pharao zu stehen,
  4. Der einst den frommen Knaben Isais,
  5. Den Hirten, sich zum Streiter ausersehen,
  6. Der stets den Hirten gnädig sich bewies,
  7. Er sprach zu mir aus dieses Baumes Zweigen:
  8. „Geh hin! Du sollst auf Erden für mich zeugen.
  1. In raues Erz sollst du die Glieder schnüren,
  2. Mit Stahl bedecken deine zarte Brust,
  3. Nicht Männerliebe darf dein Herz berühren
  4. Mit sündgen Flammen eitler Erdenlust,
  5. Nie wird der Brautkranz deine Locke zieren,
  6. Dir blüht kein lieblich Kind an deiner Brust,
  7. Doch werd ich dich mit kriegerischen Ehren,
  8. Vor allen Erdenfrauen dich verklären.
  1. Denn wenn im Kampf die Mutigsten verzagen,
  2. Wenn Frankreichs letztes Schicksal nun sich naht,
  3. Dann wirst du meine Oriflamme tragen
  4. Und wie die rasche Schnitterin die Saat,
  5. Den stolzen Überwinder niederschlagen,
  6. Umwälzen wirst du seines Glückes Rad,
  7. Errettung bringen Frankreichs Heldensöhnen,
  8. Und Reims befrein und deinen König krönen!“
  1. Ein Zeichen hat der Himmel mir verheißen,
  2. Er sendet mir den Helm, er kommt von ihm,
  3. Mit Götterkraft berühret mich sein Eisen,
  4. Und mich durchflammt der Mut der Cherubim,
  5. Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen,
  6. Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm,
  7. Den Feldruf hör ich mächtig zu mir dringen,
  8. Das Schlachtross steigt und die Trompeten klingen.

(Sie geht ab.)

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Spielhinweise

  • Schiller schreibt hier gereimte Stanzen: acht Zeilen, kunstvoll gereimt. Der Reim trägt, aber er darf nicht klingeln. Sprich auf den Sinn, der Klang kommt von allein.
  • Die wörtliche Rede der himmlischen Stimme (in Anführungszeichen) ist ein Zitat in Johannas Mund. Wechsle die Haltung, ohne eine fremde Stimme zu imitieren.
  • Der Monolog steigert sich von der Wehmut zum Kampfruf. Spare Kraft für die letzte Strophe („Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen“).
  • Ein klassischer Vorsprechtext für junge Frauen; auch für den Unterricht im Versprechen gut geeignet.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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