(Ein leeres Wohnzimmer, an der Wand ein altes Klavier, die Front abgenommen. Ilja, dreiundzwanzig, sitzt auf dem Hocker, einen Stimmhammer in der Hand, eine Stimmgabel neben sich. In der Tür steht die Tochter der Verstorbenen. Ilja schlägt eine Taste an, lauscht, dreht minimal am Wirbel.)
A. (Er schlägt die Stimmgabel an, hält sie ans Holz, schlägt die Taste noch einmal.) Vierhundertvierzig. Fast. (Er dreht.) Jetzt.
(Ohne sich umzudrehen.) Sie können ruhig reinkommen. Das dauert noch eine Stunde.
Ich war acht, als ich hier zum ersten Mal saß. Ihre Mutter hat mir die Hand auf den Rücken gelegt und gesagt: Gerade. Ein Pianist ist kein Fragezeichen. (Er schlägt die nächste Taste an.) B. Das hat sie in jeder Stunde gesagt. Zwölf Jahre lang. Kein Fragezeichen.
(Nächste Taste. Er lauscht.) H. Das H war immer ein bisschen zu tief. Sie hat gesagt, das macht nichts, das H ist ein Philosoph, das denkt länger nach. Erst in der Lehre habe ich gemerkt, dass es am Filz lag.
(Er arbeitet weiter.) C. Beim C hat sie mir mein erstes Stück beigebracht. Kein Kinderlied. Satie. Sie hat gesagt, Kinderlieder sind für Leute, die Kinder unterschätzen.
Cis. (Er lächelt.) Da wollte ich mit vierzehn aufhören. Fußball war wichtiger. Sie hat nicht geschimpft. Sie hat gesagt: Gut. Aber du kommst trotzdem jeden Dienstag, und wir trinken Tee. Ich bin jeden Dienstag gekommen. Nach drei Wochen Tee habe ich gefragt, ob ich mal wieder etwas spielen darf.
D. (Er horcht lange.) Mit zwölf hatte ich meinen ersten Wettbewerb. Ich habe in der Mitte des Stücks den Faden verloren und bin einfach sitzen geblieben, die Hände im Schoß. Sie saß in der dritten Reihe. Hinterher hat sie nicht gesagt, dass es nicht schlimm war. Sie hat gesagt: Jetzt weißt du, wie Stille klingt. Die gehört auch zur Musik. Man muss sie nur nicht so lange spielen.
(Er schlägt eine Taste an. Sie klingt hart und schief. Er hält inne.)
Fis. Das kleine Fis. Das hat schon immer gescheppert. Sie hat gesagt, das ist mein Freund, weil ich da am häufigsten danebengreife. Ein Freund verzeiht.
(Er legt den Stimmhammer auf die Knie.) Wissen Sie, warum ich Klavierbauer geworden bin und nicht Pianist? Ich war nicht gut genug. Das hat sie mir gesagt, mit siebzehn. Ganz ruhig. Du hörst besser, als du spielst, hat sie gesagt. Das ist selten. Mach was draus. Ich war drei Wochen beleidigt. Dann habe ich mich bei der Werkstatt in der Lindenstraße beworben.
(Er stimmt das Fis, lange und sehr genau. Schlägt es an. Es klingt klar.) So.
(Er setzt sich gerade hin und spielt ein paar Takte einer ruhigen Melodie. Dann hört er auf.)
Es ist jetzt gestimmt. Sie können es verkaufen. Ich habe Ihnen den Händler aufgeschrieben, der am meisten zahlt. (Pause.) Aber Ihre Mutter hat einen Satz öfter gesagt als alle anderen: Ein Klavier, das keiner spielt, verstimmt sich vor Kummer.
Also, wenn Sie es verkaufen, dann bitte an jemanden, der spielt. Ein Kind wäre schön. Eins, das noch sitzt wie ein Fragezeichen.
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