(Ein Büro. Ein Schreibtisch mit einer dicken Akte. Ksenia, zweiunddreißig, sitzt aufrecht auf dem Besucherstuhl, die Hände im Schoß. Ihr gegenüber Frau Hollmann, die in der Akte blättert.)
Ja. Ich weiß, welche Seite fehlt. Seite vierzehn. Die Bescheinigung über die Facharztausbildung, Unfallchirurgie, Charkiw, Städtisches Krankenhaus Nummer siebzehn.
Ich habe sie nicht, weil das Krankenhaus sie nicht mehr ausstellen kann. Das Verwaltungsgebäude wurde im März 2022 getroffen. Das Archiv war im Keller. Der Keller war voll Wasser, danach. (Pause.) Ich habe es Ihnen auf Seite drei geschrieben. Mit Übersetzung. Mit Stempel. Ich habe dafür einen Stempel bekommen, dass es keinen Stempel mehr gibt.
(Sie lächelt kurz.) Entschuldigung. Das ist kein Vorwurf an Sie. Sie machen Ihre Arbeit. Ich verstehe das. Ich habe auch Vorschriften befolgt, sechs Jahre lang. Vor jeder Operation: Name, Geburtsdatum, welche Seite. Man fragt dreimal. Auch wenn man es schon weiß.
Darf ich Ihnen sagen, was ich jetzt mache? Ich arbeite in der Unfallchirurgie. Im Klinikum, Station vier. Als Pflegehilfskraft. Ich wechsle Betten. Ich bringe Patienten zum Röntgen. Ich messe Blutdruck. (Pause.) Letzte Woche lag ein Mann bei uns, Unterschenkelbruch, offen. Ich habe ihn zum OP gefahren und an der Tür gewartet. Durch das Fenster habe ich gesehen, wie der Assistenzarzt die Platte angesetzt hat. Zu weit oben. Zwei Zentimeter. Ich habe nichts gesagt. Ich durfte nichts sagen. Ich habe den Mann nach drei Stunden wieder abgeholt.
Meine Tochter ist neun. Sofia. Sie geht in die dritte Klasse und spricht besser Deutsch als ich. Beim Elternabend übersetzt sie für mich, wenn ich ein Wort nicht weiß. Letzte Woche hat sie mich gefragt: Mama, bist du jetzt keine Ärztin mehr? (Pause.) Ich habe gesagt: Doch. Nur auf Papier noch nicht. Sie hat gesagt: Dann musst du mehr Papier sammeln. (Kurzes Lächeln.) Sie ist sehr praktisch.
Vor zwei Wochen, in der Nachtschicht, hat eine Patientin nach einer Hüftoperation stark geblutet. Der Arzt war im anderen Haus, zehn Minuten weg. Ich habe den Verband geöffnet, die Stelle abgedrückt und gewartet. Zehn Minuten mit beiden Händen auf einer Wunde. Das darf jede Pflegekraft. Das ist Erste Hilfe. Als der Arzt kam, hat er gesagt: Gut gemacht. Woher können Sie das? Ich habe gesagt: Aus der Schule.
(Sie sieht auf ihre Hände.) Frau Hollmann, ich habe in den ersten Kriegsmonaten in Charkiw vierhundert Operationen gemacht. Nicht alle waren gut. Aber ich weiß, wie man eine Platte setzt. Ich weiß, wie man einen Unterschenkel wieder zusammenbaut. Ich weiß, wo die Arterie liegt, wenn man nichts mehr sieht, weil alles voll Blut ist. Meine Unterlagen haben eine Lücke. Meine Hände nicht.
Ich habe einen früheren Kollegen gefunden, Doktor Melnyk. Er arbeitet jetzt in Krakau. Er kann bestätigen, dass ich bei ihm ausgebildet wurde. Er hat einen Brief geschrieben, auf Polnisch, auf Ukrainisch und auf Englisch. Er liegt bei. Seite einundzwanzig.
(Sie hört zu.) Ich verstehe. Ein Brief ist kein Nachweis. (Pause.) Und wenn ich es Ihnen zeige?
Sie haben eine Kenntnisprüfung. Ich habe es gelesen. Wenn man die Gleichwertigkeit nicht mit Papieren belegen kann, kann man geprüft werden. Mündlich, praktisch, an einem Patienten. (Sie richtet sich auf.) Dann prüfen Sie mich. Ich warte nicht mehr auf Seite vierzehn. Die kommt nicht. Melden Sie mich an. Für den nächsten Termin, den Sie haben.
(Pause. Sie hört zu.) März. Gut. Dann lerne ich bis März. Ich lerne die deutschen Wörter für alles, was ich schon kann. (Sie steht auf und nimmt ihre Tasche.) Danke, Frau Hollmann. Wirklich. Sie waren freundlich. (An der Tür.) Und wenn Sie sich einmal etwas brechen, kommen Sie zu mir.
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
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