(Studierzimmer. Mephistopheles in Fausts langem Kleide. Ein Schüler tritt auf.)
Schüler
- Ich bin allhier erst kurze Zeit,
- Und komme voll Ergebenheit,
- Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
- Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.
Stichwort: „… Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.“
Mephistopheles
- Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
- Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
- Habt ihr euch sonst schon umgetan?
Stichwort: „… Habt ihr euch sonst schon umgetan?“
Schüler
- Ich bitt’ euch, nehmt euch meiner an!
- Ich komme mit allem guten Mut,
- Leidlichem Geld und frischem Blut;
- Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
- Möchte gern’ was rechts hieraußen lernen.
Stichwort: „… Möchte gern’ was rechts hieraußen lernen.“
Mephistopheles
- Da seid ihr eben recht am Ort.
Stichwort: „… seid ihr eben recht am Ort.“
Schüler
- Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
- In diesen Mauern, diesen Hallen,
- Will es mir keineswegs gefallen.
- Es ist ein gar beschränkter Raum,
- Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
- Und in den Sälen, auf den Bänken,
- Vergeht mir Hören, Seh’n und Denken.
Stichwort: „… Vergeht mir Hören, Seh’n und Denken.“
Mephistopheles
- Das kommt nur auf Gewohnheit an.
- So nimmt ein Kind der Mutter Brust
- Nicht gleich im Anfang willig an,
- Doch bald ernährt es sich mit Lust.
- So wird’s euch an der Weisheit Brüsten
- Mit jedem Tage mehr gelüsten.
Stichwort: „… Brüsten Mit jedem Tage mehr gelüsten.“
Schüler
- An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
- Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
Stichwort: „… mir nur, wie kann ich hingelangen?“
Mephistopheles
- Erklärt euch, eh’ ihr weiter geht,
- Was wählt ihr für eine Fakultät?
Stichwort: „… Was wählt ihr für eine Fakultät?“
Schüler
- Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
- Und möchte gern, was auf der Erden
- Und in dem Himmel ist, erfassen,
- Die Wissenschaft und die Natur.
Stichwort: „… erfassen, Die Wissenschaft und die Natur.“
Mephistopheles
- Da seid ihr auf der rechten Spur;
- Doch müsst ihr euch nicht zerstreuen lassen.
Stichwort: „… müsst ihr euch nicht zerstreuen lassen.“
Schüler
- Ich bin dabei mit Seel’ und Leib;
- Doch freilich würde mir behagen
- Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib,
- An schönen Sommerfeiertagen.
Stichwort: „… Freiheit und Zeitvertreib, An schönen Sommerfeiertagen.“
Mephistopheles
- Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
- Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
- Mein teurer Freund, ich rat’ euch drum
- Zuerst Collegium Logicum.
- Da wird der Geist euch wohl dressiert,
- In spanische Stiefeln eingeschnürt,
- Dass er bedächtiger so fort an
- Hinschleiche die Gedankenbahn,
- Und nicht etwa, die Kreuz’ und Quer,
- Irlichtelire hin und her.
- Dann lehret man euch manchen Tag,
- Dass, was ihr sonst auf einen Schlag
- Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
- Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.
- Zwar ist’s mit der Gedanken-Fabrik
- Wie mit einem Weber-Meisterstück,
- Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
- Die Schifflein herüber hinüber schießen,
- Die Fäden ungesehen fließen,
- Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
- Der Philosoph der tritt herein,
- Und beweis’t euch, es müsst’ so sein:
- Das Erst’ wär’ so, das Zweite so,
- Und drum das Dritt’ und Vierte so;
- Und wenn das Erst’ und Zweit’ nicht wär’,
- Das Dritt’ und Viert’ wär’ nimmermehr.
- Das preisen die Schüler aller Orten,
- Sind aber keine Weber geworden.
- Wer will was lebendig’s erkennen und beschreiben,
- Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
- Dann hat er die Teile in seiner Hand,
- Fehlt leider! nur das geistige Band.
- Encheiresin naturae nennt’s die Chimie,
- Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
Stichwort: „… ihrer selbst und weiß nicht wie.“
Schüler
- Kann euch nicht eben ganz verstehen.
Stichwort: „Kann euch nicht eben ganz verstehen.“
Mephistopheles
- Das wird nächstens schon besser gehen,
- Wenn ihr lernt alles reduzieren
- Und gehörig klassifizieren.
Stichwort: „… lernt alles reduzieren Und gehörig klassifizieren.“
Schüler
- Mir wird von alle dem so dumm,
- Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.
Stichwort: „… mir ein Mühlrad im Kopf herum.“
Mephistopheles
- Nachher vor allen andern Sachen
- Müsst ihr euch an die Metaphysik machen!
- Da seht, dass ihr tiefsinnig fasst,
- Was in des Menschen Hirn nicht passt;
- Für, was drein geht und nicht drein geht,
- Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
- Doch vorerst dieses halbe Jahr
- Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
- Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
- Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
- Habt euch vorher wohl präpariert,
- Paragraphos wohl einstudiert,
- Damit ihr nachher besser seht,
- Dass er nichts sagt, als was im Buche steht;
- Doch euch des Schreibens ja befleißt,
- Als diktiert’ euch der Heilig’ Geist!
Stichwort: „… Als diktiert’ euch der Heilig’ Geist!“
Schüler
- Das sollt ihr mir nicht zweimal sagen!
- Ich denke mir wie viel es nützt;
- Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
- Kann man getrost nach Hause tragen.
Stichwort: „… Kann man getrost nach Hause tragen.“
Mephistopheles
- Doch wählt mir eine Fakultät!
Stichwort: „Doch wählt mir eine Fakultät!“
Schüler
- Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
Stichwort: „… Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.“
Mephistopheles
- Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
- Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
- Es erben sich Gesetz’ und Rechte
- Wie eine ew’ge Krankheit fort,
- Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
- Und rücken sacht von Ort zu Ort.
- Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
- Weh dir, dass du ein Enkel bist!
- Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
- Von dem ist leider! nie die Frage.
Stichwort: „… dem ist leider! nie die Frage.“
Schüler
- Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
- O glücklich der! den ihr belehrt.
- Fast möcht’ ich nun Theologie studieren.
Stichwort: „… Fast möcht’ ich nun Theologie studieren.“
Mephistopheles
- Ich wünschte nicht euch irre zu führen.
- Was diese Wissenschaft betrifft,
- Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
- Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
- Und von der Arzenei ists kaum zu unterscheiden.
- Am besten ist’s auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
- Und auf des Meisters Worte schwört.
- Im Ganzen — haltet euch an Worte!
- Dann geht ihr durch die sichre Pforte
- Zum Tempel der Gewissheit ein.
Stichwort: „… Pforte Zum Tempel der Gewissheit ein.“
Schüler
- Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein.
Stichwort: „… Begriff muss bei dem Worte sein.“
Mephistopheles
- Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen;
- Denn eben wo Begriffe fehlen,
- Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
- Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
- Mit Worten ein System bereiten,
- An Worte lässt sich trefflich glauben,
- Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.
Stichwort: „… Wort lässt sich kein Jota rauben.“
Schüler
- Verzeiht, ich halt’ euch auf mit vielen Fragen,
- Allein ich muss euch noch bemüh’n.
- Wollt ihr mir von der Medizin
- Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
- Drei Jahr’ ist eine kurze Zeit,
- Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
- Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
- Lässt sich’s schon eher weiter fühlen.
Stichwort: „… Lässt sich’s schon eher weiter fühlen.“
Mephistopheles (Für sich.)
- Ich bin des trocknen Tons nun satt,
- Muss wieder recht den Teufel spielen.
- (Laut)
- Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
- Ihr durchstudiert die groß’ und kleine Welt,
- Um es am Ende gehn zu lassen,
- Wie’s Gott gefällt.
- Vergebens dass ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
- Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
- Doch der den Augenblick ergreift,
- Das ist der rechte Mann.
- Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut,
- An Kühnheit wird’s euch auch nicht fehlen,
- Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
- Vertrauen euch die andern Seelen.
- Besonders lernt die Weiber führen;
- Es ist ihr ewig Weh und Ach
- So tausendfach
- Aus Einem Punkte zu kurieren,
- Und wenn ihr halbweg ehrbar tut,
- Dann habt ihr sie all’ unterm Hut.
- Ein Titel muss sie erst vertraulich machen,
- Dass eure Kunst viel Künste übersteigt;
- Zum Willkomm’ tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
- Um die ein andrer viele Jahre streicht,
- Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
- Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
- Wohl um die schlanke Hüfte frei,
- Zu seh’n, wie fest geschnürt sie sei.
Stichwort: „… seh’n, wie fest geschnürt sie sei.“
Schüler
- Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie.
Stichwort: „… Man sieht doch wo und wie.“
Mephistopheles
- Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
- Und grün des Lebens goldner Baum.
Stichwort: „… Und grün des Lebens goldner Baum.“
Schüler
- Ich schwör’ euch zu, mir ist’s als wie ein Traum.
- Dürft’ ich euch wohl ein andermal beschweren,
- Von eurer Weisheit auf den Grund zu hören?
Stichwort: „… Weisheit auf den Grund zu hören?“
Mephistopheles
- Was ich vermag, soll gern geschehn.
Stichwort: „Was ich vermag, soll gern geschehn.“
Schüler
- Ich kann unmöglich wieder gehn,
- Ich muss euch noch mein Stammbuch überreichen.
- Gönn’ eure Gunst mir dieses Zeichen!
Stichwort: „… Gönn’ eure Gunst mir dieses Zeichen!“
Mephistopheles
- Sehr wohl.
Stichwort: „Sehr wohl.“
(Er schreibt und gibt’s.)
Schüler (Lies’t.)
- Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.
Stichwort: „… sicut Deus, scientes bonum et malum.“
(Macht’s ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)
Mephistopheles
- Folg’ nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
- Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!
Stichwort: „… gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
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