Mephistopheles und der Schüler: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“

Dialog · 2 Personen · Weimarer Klassik · Freie Reimverse

Mephistopheles und der Schüler: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

aus Faust. Der Tragödie erster Teil (1808) von Johann Wolfgang von Goethe · Studierzimmer (Schülerszene)

Originaltext · Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe (1808)ungekürzt
Dauer
ca. 10,5 Mingeschätzt, 1150 Wörter
Umfang
184 VerseSchüler · Mephistopheles
Figur
m + offen · 2 Personen
Spielalter
ca. 16–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
spöttischkomisch
Sprache
Freie Reimversebehutsam modernisiert
PDF-Optionen
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(Studierzimmer. Mephistopheles in Fausts langem Kleide. Ein Schüler tritt auf.)

Schüler

  1. Ich bin allhier erst kurze Zeit,
  2. Und komme voll Ergebenheit,
  3. Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
  4. Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.

Stichwort: „… Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.“

Mephistopheles

  1. Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
  2. Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
  3. Habt ihr euch sonst schon umgetan?

Stichwort: „… Habt ihr euch sonst schon umgetan?“

Schüler

  1. Ich bitt’ euch, nehmt euch meiner an!
  2. Ich komme mit allem guten Mut,
  3. Leidlichem Geld und frischem Blut;
  4. Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
  5. Möchte gern’ was rechts hieraußen lernen.

Stichwort: „… Möchte gern’ was rechts hieraußen lernen.“

Mephistopheles

  1. Da seid ihr eben recht am Ort.

Stichwort: „… seid ihr eben recht am Ort.“

Schüler

  1. Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
  2. In diesen Mauern, diesen Hallen,
  3. Will es mir keineswegs gefallen.
  4. Es ist ein gar beschränkter Raum,
  5. Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
  6. Und in den Sälen, auf den Bänken,
  7. Vergeht mir Hören, Seh’n und Denken.

Stichwort: „… Vergeht mir Hören, Seh’n und Denken.“

Mephistopheles

  1. Das kommt nur auf Gewohnheit an.
  2. So nimmt ein Kind der Mutter Brust
  3. Nicht gleich im Anfang willig an,
  4. Doch bald ernährt es sich mit Lust.
  5. So wird’s euch an der Weisheit Brüsten
  6. Mit jedem Tage mehr gelüsten.

Stichwort: „… Brüsten Mit jedem Tage mehr gelüsten.“

Schüler

  1. An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
  2. Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

Stichwort: „… mir nur, wie kann ich hingelangen?“

Mephistopheles

  1. Erklärt euch, eh’ ihr weiter geht,
  2. Was wählt ihr für eine Fakultät?

Stichwort: „… Was wählt ihr für eine Fakultät?“

Schüler

  1. Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
  2. Und möchte gern, was auf der Erden
  3. Und in dem Himmel ist, erfassen,
  4. Die Wissenschaft und die Natur.

Stichwort: „… erfassen, Die Wissenschaft und die Natur.“

Mephistopheles

  1. Da seid ihr auf der rechten Spur;
  2. Doch müsst ihr euch nicht zerstreuen lassen.

Stichwort: „… müsst ihr euch nicht zerstreuen lassen.“

Schüler

  1. Ich bin dabei mit Seel’ und Leib;
  2. Doch freilich würde mir behagen
  3. Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib,
  4. An schönen Sommerfeiertagen.

Stichwort: „… Freiheit und Zeitvertreib, An schönen Sommerfeiertagen.“

Mephistopheles

  1. Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
  2. Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
  3. Mein teurer Freund, ich rat’ euch drum
  4. Zuerst Collegium Logicum.
  5. Da wird der Geist euch wohl dressiert,
  6. In spanische Stiefeln eingeschnürt,
  7. Dass er bedächtiger so fort an
  8. Hinschleiche die Gedankenbahn,
  9. Und nicht etwa, die Kreuz’ und Quer,
  10. Irlichtelire hin und her.
  11. Dann lehret man euch manchen Tag,
  12. Dass, was ihr sonst auf einen Schlag
  13. Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
  14. Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.
  15. Zwar ist’s mit der Gedanken-Fabrik
  16. Wie mit einem Weber-Meisterstück,
  17. Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
  18. Die Schifflein herüber hinüber schießen,
  19. Die Fäden ungesehen fließen,
  20. Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
  21. Der Philosoph der tritt herein,
  22. Und beweis’t euch, es müsst’ so sein:
  23. Das Erst’ wär’ so, das Zweite so,
  24. Und drum das Dritt’ und Vierte so;
  25. Und wenn das Erst’ und Zweit’ nicht wär’,
  26. Das Dritt’ und Viert’ wär’ nimmermehr.
  27. Das preisen die Schüler aller Orten,
  28. Sind aber keine Weber geworden.
  29. Wer will was lebendig’s erkennen und beschreiben,
  30. Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
  31. Dann hat er die Teile in seiner Hand,
  32. Fehlt leider! nur das geistige Band.
  33. Encheiresin naturae nennt’s die Chimie,
  34. Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.

Stichwort: „… ihrer selbst und weiß nicht wie.“

Schüler

  1. Kann euch nicht eben ganz verstehen.

Stichwort: „Kann euch nicht eben ganz verstehen.“

Mephistopheles

  1. Das wird nächstens schon besser gehen,
  2. Wenn ihr lernt alles reduzieren
  3. Und gehörig klassifizieren.

Stichwort: „… lernt alles reduzieren Und gehörig klassifizieren.“

Schüler

  1. Mir wird von alle dem so dumm,
  2. Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.

Stichwort: „… mir ein Mühlrad im Kopf herum.“

Mephistopheles

  1. Nachher vor allen andern Sachen
  2. Müsst ihr euch an die Metaphysik machen!
  3. Da seht, dass ihr tiefsinnig fasst,
  4. Was in des Menschen Hirn nicht passt;
  5. Für, was drein geht und nicht drein geht,
  6. Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
  7. Doch vorerst dieses halbe Jahr
  8. Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
  9. Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
  10. Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
  11. Habt euch vorher wohl präpariert,
  12. Paragraphos wohl einstudiert,
  13. Damit ihr nachher besser seht,
  14. Dass er nichts sagt, als was im Buche steht;
  15. Doch euch des Schreibens ja befleißt,
  16. Als diktiert’ euch der Heilig’ Geist!

Stichwort: „… Als diktiert’ euch der Heilig’ Geist!“

Schüler

  1. Das sollt ihr mir nicht zweimal sagen!
  2. Ich denke mir wie viel es nützt;
  3. Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
  4. Kann man getrost nach Hause tragen.

Stichwort: „… Kann man getrost nach Hause tragen.“

Mephistopheles

  1. Doch wählt mir eine Fakultät!

Stichwort: „Doch wählt mir eine Fakultät!“

Schüler

  1. Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.

Stichwort: „… Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.“

Mephistopheles

  1. Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
  2. Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
  3. Es erben sich Gesetz’ und Rechte
  4. Wie eine ew’ge Krankheit fort,
  5. Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
  6. Und rücken sacht von Ort zu Ort.
  7. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
  8. Weh dir, dass du ein Enkel bist!
  9. Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
  10. Von dem ist leider! nie die Frage.

Stichwort: „… dem ist leider! nie die Frage.“

Schüler

  1. Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
  2. O glücklich der! den ihr belehrt.
  3. Fast möcht’ ich nun Theologie studieren.

Stichwort: „… Fast möcht’ ich nun Theologie studieren.“

Mephistopheles

  1. Ich wünschte nicht euch irre zu führen.
  2. Was diese Wissenschaft betrifft,
  3. Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
  4. Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
  5. Und von der Arzenei ists kaum zu unterscheiden.
  6. Am besten ist’s auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
  7. Und auf des Meisters Worte schwört.
  8. Im Ganzen — haltet euch an Worte!
  9. Dann geht ihr durch die sichre Pforte
  10. Zum Tempel der Gewissheit ein.

Stichwort: „… Pforte Zum Tempel der Gewissheit ein.“

Schüler

  1. Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein.

Stichwort: „… Begriff muss bei dem Worte sein.“

Mephistopheles

  1. Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen;
  2. Denn eben wo Begriffe fehlen,
  3. Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
  4. Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
  5. Mit Worten ein System bereiten,
  6. An Worte lässt sich trefflich glauben,
  7. Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.

Stichwort: „… Wort lässt sich kein Jota rauben.“

Schüler

  1. Verzeiht, ich halt’ euch auf mit vielen Fragen,
  2. Allein ich muss euch noch bemüh’n.
  3. Wollt ihr mir von der Medizin
  4. Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
  5. Drei Jahr’ ist eine kurze Zeit,
  6. Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
  7. Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
  8. Lässt sich’s schon eher weiter fühlen.

Stichwort: „… Lässt sich’s schon eher weiter fühlen.“

Mephistopheles (Für sich.)

  1. Ich bin des trocknen Tons nun satt,
  2. Muss wieder recht den Teufel spielen.
  3. (Laut)
  4. Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
  5. Ihr durchstudiert die groß’ und kleine Welt,
  6. Um es am Ende gehn zu lassen,
  7. Wie’s Gott gefällt.
  8. Vergebens dass ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
  9. Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
  10. Doch der den Augenblick ergreift,
  11. Das ist der rechte Mann.
  12. Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut,
  13. An Kühnheit wird’s euch auch nicht fehlen,
  14. Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
  15. Vertrauen euch die andern Seelen.
  16. Besonders lernt die Weiber führen;
  17. Es ist ihr ewig Weh und Ach
  18. So tausendfach
  19. Aus Einem Punkte zu kurieren,
  20. Und wenn ihr halbweg ehrbar tut,
  21. Dann habt ihr sie all’ unterm Hut.
  22. Ein Titel muss sie erst vertraulich machen,
  23. Dass eure Kunst viel Künste übersteigt;
  24. Zum Willkomm’ tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
  25. Um die ein andrer viele Jahre streicht,
  26. Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
  27. Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
  28. Wohl um die schlanke Hüfte frei,
  29. Zu seh’n, wie fest geschnürt sie sei.

Stichwort: „… seh’n, wie fest geschnürt sie sei.“

Schüler

  1. Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie.

Stichwort: „… Man sieht doch wo und wie.“

Mephistopheles

  1. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
  2. Und grün des Lebens goldner Baum.

Stichwort: „… Und grün des Lebens goldner Baum.“

Schüler

  1. Ich schwör’ euch zu, mir ist’s als wie ein Traum.
  2. Dürft’ ich euch wohl ein andermal beschweren,
  3. Von eurer Weisheit auf den Grund zu hören?

Stichwort: „… Weisheit auf den Grund zu hören?“

Mephistopheles

  1. Was ich vermag, soll gern geschehn.

Stichwort: „Was ich vermag, soll gern geschehn.“

Schüler

  1. Ich kann unmöglich wieder gehn,
  2. Ich muss euch noch mein Stammbuch überreichen.
  3. Gönn’ eure Gunst mir dieses Zeichen!

Stichwort: „… Gönn’ eure Gunst mir dieses Zeichen!“

Mephistopheles

  1. Sehr wohl.

Stichwort: „Sehr wohl.“

(Er schreibt und gibt’s.)

Schüler (Lies’t.)

  1. Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.

Stichwort: „… sicut Deus, scientes bonum et malum.“

(Macht’s ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)

Mephistopheles

  1. Folg’ nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
  2. Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!

Stichwort: „… gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Goethe schreibt in freien Reimversen (Madrigalvers). Die Reime sind Pointen; der Witz liegt im Timing, nicht in der Lautstärke.
  • Mephisto spielt einen Professor. Er hat zwei Haltungen: die gespielte Würde und darunter den Spott. Der Wechsel bei „Ich bin des trocknen Tons nun satt“ ist hörbar.
  • Der Schüler ist keine Witzfigur. Er nimmt alles ernst und wird immer verwirrter; spiele seine echte Neugier.
  • Für ein Szenenstudium zu zweit ideal: klare Rollen, viele kurze Wechsel, eine berühmte Pointe („Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“).

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